Startseite » Vermischtes » „Freude, schöner Götterfunken“

Zubin Mehta zum 90. Geburtstag

„Freude, schöner Götterfunken“

Zubin Mehta wird heute 90 Jahre alt. Als Lustdirigent, Menschenfreund und Menschenfischer entfacht er den Wärmestrom des begeisterten gemeinsamen Musikmachens.

vonPeter Krause,

Als Zubin Mehta in den späten 1980er-Jahren zur Probe von Beethovens „Neunter“ ans Pult eines Orchesters trat, das zu den „Big Five“ der USA – und damit zu den weltbesten überhaupt – gehört, begrüßte er die Mitglieder des berühmten Klangkörpers mit dem Satz: „Ich glaube nicht, dass wir dieses Stück wirklich proben müssen. Ich werde euch einfach folgen …“ Der sich selbst und die eigene Rolle des gestrengen Maestros relativierende Scherz wirkte so entwaffnend, dass hernach in Probe und Konzert nichts anderes entstehen konnte als der Wärmestrom des begeisterten gemeinsamen Musikmachens: „Freude, schöner Götterfunken“.

Diesen Funken kann der Dirigent, der heute vor 90 Jahren in Bombay geboren wurde, so locker entzünden wie nur wenige Kollegen. Denn er besitzt jenes Charisma, von dem Musiker immer wieder schwärmen: Seine pure Anwesenheit in einem Raum verändere die Atmosphäre. Mehta ist Lustdirigent, Menschenfreund und Menschenfischer, der sich nicht zu schade ist für massentaugliche Klassik-Events: Das Konzert der „Drei Tenöre“, das er 1990 in Rom leitete und das sich hernach wie warme Semmeln auf Tonträgern verkaufte, es variierte Beethovens Motto aus der Sinfonie Nr. 9 auf ungeahnte Weise: „Seid umschlungen, Millionen.“

Zubin Mehta dirigiert körperlch, sinnlich, großzügig

Doch natürlich besitzt er zu allererst jenes Handwerk, ohne das eine über sieben Jahrzehnte andauernde Karriere nicht mal tönend Erz wäre. Durch sein Studium in der legendären Dirigentenschmiede von Hans Swarowsky in Wien, der Welthauptstadt der klassischen Musik, sog er die Tradition wie mit der späten Muttermilch auf. Er eignet sich die elegant ästhetische Souveränität seiner Schlagtechnik an. Er lernt den golden schimmernden Edelklang der Wiener Philharmoniker lieben, der ihm zum Maßstab wird, wenn er in Los Angeles, in New York, in München, in Florenz oder in Israel seine musikalische Auffassung vermittelt. Und er lernt, was Agogik als kontrollierte Freiheit des Tempos bedeutet, um der Musik ihren natürlichen langen Atem, ihr Schwelgen, ihr stetes Strömen zu schenken.

Mehta ist kein pedantischer Exeget des Details und der kühlen Analyse, er sucht und findet stets das große Kontinuum, durch das er selbst aus disparaten Motiven eine erzählerische Linie formt. Sein Dirigieren ist körperlich, sinnlich, großzügig. Er hat keine Angst vor Pathos, gleitet freilich nie ins Sentimentale ab. Das durch ihn ermöglichte Musikmachen hat Persönlichkeit und gewinnt dadurch seine Wahrhaftigkeit. Sinfonisches Repertoire und Oper gehören bei ihm ganz selbstverständlich zusammen: Die mit Intendant Sir Peter Jonas gemeinsam gestalteten Jahre an der Bayerischen Staatsoper brachten München zum Leuchten, prägten eine Ära im wirklichen Sinn des Wortes. Noch heute schwärmt das dortige Staatsorchester: „Wenn er ans Pult tritt, klingen wir sofort anders.“

Wie sein Freund Daniel Barenboim, für den Mehta als indischer Parse (einer religiösen Minderheit, die sich auf die Lehren des persischen Propheten Zarathustra beruft) Trauzeuge und dafür kurzzeitig Jude wurde, d. h.,für die Zeremonie zu Moshe Cohen mutierte, nimmt der Maestro in diffizilen politischen Fragen kein Blatt vor den Mund, nutzt sein Ansehen, um mit musikalischen Zeichen auf Missstände hinzuweisen – ob in seiner Heimat Indien oder in Israel. Happy Birthday, Maestro!

Termine

Auch interessant

Rezensionen

  • „Seine Musik ist elektrisierend“
    Interview Isata Kanneh-Mason

    „Seine Musik ist elektrisierend“

    Die britische Pianistin Isata Kanneh-Mason spricht im Interview über ihre Beziehung zur Musik von Sergej Prokofjew und verrät, wie sie überhaupt zum Klavier gekommen ist.

Klassik in Ihrer Stadt

Newsletter

Jeden Donnerstag in Ihrem Postfach: frische Klassik!