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Opern-Feuilleton: Skandale um Wagner

Wagner, der ewige Skandal

Zum 150. Jubiläum der Bayreuther Festspiele: Teil II der Reihe „Countdown für Bayreuth“ widmet sich der Person Richard Wagner, die bis heute ein Stein des Anstoßes geblieben ist.

vonPeter Krause,

Zeitlebens ist er ein schillerndes Genie gewesen – und er ist es seit seinem Tod in Venedig anno 1883 geblieben: Richard Wagner, ein ewiger Skandal. Halbwegs neutral ließe sich über den gebürtigen Leipziger allenfalls sagen: Er war ein vaterloser, sehnsüchtig nach Liebe und Anerkennung suchender Romantiker, ein bedeutender Kapellmeister und einzigartiger Musiktheater-Visionär, der mehr und anderes wollte, als in seinem 19. Jahrhundert musiktheatralisch je zu realisieren gewesen wäre, und der es doch vermochte, ein Theater als Festspielhaus zu bauen, in dem einzig und allein sein Werk aufgeführt werden durfte – welch wunderbare Hybris, welch unerhörter Anspruch und Gebot für Bayreuth: „Ihr sollt keine Götter haben neben mir.“ Alleinstellungsmerkmal heißt das in der Wirtschaft heute. Und dieser fraglos große Komponist war ein Anarchist und Asylant, in Sachsen steckbrieflich gesucht als ein Linker, ein Sozialist, ein Republikaner (wer damals gegen Monarchie und Adel wetterte, dem schlug das Herz vernehmlich auf der linken Seite).

Liebe als Revolution

Er stand als echter Revoluzzer auf den Dresdner Barrikaden von 1848, er war ein Liebhaber des äußersten Luxus und chronischer Bankrottier, ein zwangserotischer Ehebrecher und Intimus des schwulen bayerischen Königs, ein gewiefter Bettelbriefschreiber, der einem Gönner derart eindringlich dankte, dass er sogar dessen Gattin Liebesdienste erwies und aus dieser Erfahrung heraus die größte Liebesgeschichte nach „Romeo und Julia“ erdachte: „Tristan und Isolde“, alias Richard Wagner und Mathilde Wesendonck. Diese alle Gesellschaftsregeln sprengende Geschichte korrespondiert mit Wagners Sprengung des harmonisch Anständigen: Der Tristan-Akkord, der sich genauso wenig auflöst, wie die erotische Spannung der Musik nie nachlässt, bis nach vier Stunden das erlösende H-Dur von der späten Liebestod-Ermattung erzählt. Wagners Werk steckt voll von solchen Skandalen, die inszes­tiöse Liebe des Wälsungenpaares in „Die Walküre“ ist nur ein weiteres krasses Beispiel.

Im Schatten des Nationalsozialismus

Dieser Richard Wagner kennt die Trennung zwischen biografischen Bezügen, gesellschaftlich-politischer Überzeugung und künstlerischem Erguss mitnichten. Ohne Übertreibung darf man folgern: Es gab bis dato keinen derart kompromisslos und genuin politisch denkenden Künstler wie ihn. Derselbe Mann schwärmte freilich auch für Mythen, er ist Kind der Mittelalter-Renaissance seiner Zeit. Denken wir an den Sänger Tannhäuser, den Schwanenritter Lohengrin, den Gralskönig Parsifal – Sagengestalten allenthalben. Just die fernen Mythen dienten Wagner indes zur Darstellung seiner eigenen Vision von einer besseren Gesellschaft. War der Straßenkampf gescheitert, wollte Wagner mit den Mitteln der Kunst die Gesellschaft verändern. „Zerstören will ich die Ordnung der Dinge, die Millionen zu Sklaven von Wenigen macht und diese Wenigen zu Sklaven ihrer eigenen Macht, ihres eigenen Reichtums macht“, schreibt er frei und frech sozialistisch und feinsinnig psychologisch zugleich: Denn die bösen Ausbeuter sind eben auch selbst Opfer des Systems. Wotan, der traurige Gott, gefangen im Netz seiner Verträge, ist am Ende. „Der Ring des Nibelungen“ dient gerade nicht der Verherrlichung germanischer Helden, es geht darin auch nicht um eine Dominanz des „Deutschen“ gegenüber dem „Jüdischen“, wie es später von den Nazis auf Wagners Werk projiziert wurde – eine Rezeptionsschicht, die dieses Werk bis heute für viele Menschen infiziert hat.

Spaltet die Gemüter: Richard Wagner
Spaltet die Gemüter: Richard Wagner

Die Dramen kennen keine braunen Töne, ihre Rezeption im „Dritten Reich“ hat sich indes wie brauner Mehltau auf dieses Werk gelegt, ist vergiftend in dessen Tiefen eingesickert. Wagner selbst entwirft stattdessen eine Parabel der Gesellschaft im Zeitalter der industriellen Revolution, die er mit dem Ende eines auf Unterdrückungsmechanismen basierenden kapitalistischen Systems utopisch versöhnlich ausklingen lässt. Sein unappetitlicher Antisemitismus wird durch seine hehren Botschaften nicht abgemildert. Skandalös sind und bleiben der Künstler und sein Werk allemal.

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