Marc-André Hamelins neues Album „Found Objects / Sound Objects“ ist der bisher wohl radikalste Eintrag in der Diskografie des Frankokanadiers. Es handelt sich um hochkalorische musikalische Pralinés, allesamt komponiert zwischen 1936 und 2023, die einzeln genossen aufregende, unterhaltsame, nachdenkliche und in jedem Fall lang nachwirkende Hörerfahrungen bieten. Frank Zappas „Ruth is sleeping“ etwa, ursprünglich für Elektronik konzipiert, später für zwei Klaviere arrangiert und von Hamelin meisterlich alleine gespielt, offenbart in seinem dichten Text ungeahnte Lyrik. Für John Cages „The perilous night“, eines der frühesten Werke für präpariertes Klavier, verwandelt sich Hamelin indes in eine Ein-Mann-Perkussionsgruppe. Die minimalistischen rhythmischen Strukturen entfalten einen Sog, dem sich Interpret und Zuhörer kaum entziehen können.
In eine gigantische Klangwolke gerät man hingegen mit Salvatore Martiranos „Stuck on Stella“. Hier zeigen sich zwar Einflüsse von Weber über Rachmaninow bis Dallapiccola, wirklich fassen lässt sich das Stück jedoch nicht. Ein krasser Gegensatz dazu ist John Oswalds geistreich zusammengestellte und erstaunlich harmonisch klingende Collage „Tip“, in der Versatzstücke aus vierzig Werken ein neues Tongebilde formen. Allein schon das Miträtseln macht Spaß! Stefan Wolpes zwölftönige „Passacaglia“ strotzt wie alles auf diesem Album vor Komplexität. Hamelin gelingt das Kunststück, die verworrenen kontrapunktischen Strukturen fein freizulegen. Als sanft fließender Ruhepol lässt sich Yehudi Wyners „Refrain“ begreifen. Abschließend stellt Hamelin einmal mehr seine kompositorische Kreativität unter Beweis: Sein dämonischer, wuchtiger, bisweilen wie eine Toccata anmutender „Hexensabbat“ hat das Potenzial zum Bravourstück, vorausgesetzt, man ist wie Hamelin und der Pianist der Uraufführung, Yoav Levanon, den absurd hohen technischen Anforderungen gewachsen.
Found Objects / Sound Objects
Zappa: Ruth is sleeping, Martirano: Stuck on Stella, Oswald: Tip, Cage: The perilous night, Wolpe: Passacaglia, Wyner: Refrain, Hamelin: Hexensabbat
Marc-André Hamelin (Klavier)
Hyperion


