Liebst du mich so, wie ich dich liebe, dann ziehe an dem Streifen, damit ich dich umarmen kann. Willst du meine wahre Gestalt ohne Verkleidung sehen, so blättere um, damit Rock und Perücke fallen. Soll ich gehen? Dann schließe das Buch. So klar, so einfach, so poetisch und so konsequent kann eine Regieanweisung sein, mit der an der Volksoper Wien Franz Léhars „Der Zarewitsch“ ebenso so humorvoll wie rührselig erzählt wird.
Theatermacher und Schauspieler Steef de Jong belebt das Operettenspätwerk als sein eigener Impresario, Bühnenbildner und Regisseur mittels eines raffiniert konstruierten, auf die Bühne projizierten Comicstrips. Zentral ist dabei ein Eingriff in die Figur der Sonja: Sie erscheint als Bühnenname des Dragkünstlers Katuschukoff, in den sich der Zarewitsch verliebt. Dieser wiederum ist nicht nur – wie in der Vorlage – der Frauenwelt entfremdet, sondern lebt hier als homosexueller Fürst eine beinahe historisch anmutende europäische Normalität.

Bühne und Projektion im stetigen Fluss
De Jong entfaltet die Handlung auf zwei Ebenen. Was der Zarewitsch empfindet und durchlebt – die Begegnung mit Katuschukoff, die intriganten Eingriffe des Onkels –, erscheint im Bildprojektor. David Kerber (Zarewitsch) und Hedwig Ritter (Sonja/Katuschukoff) verleihen ihren Figuren vor allem die Stimme; die Emotionen materialisieren sich als Zeichnung. Demgegenüber stehen Martin Enenkel und Juliette Khalil als Iwan und Mascha in klassischem kernigem Bühnen- und Bürgerspiel mit Slapstick, das den Abend erdet. Das Szenenkolorit vom Zarenpalast über den Wolgastrand bis nach Neapel geht dabei fließend ineinander über.

Mit welcher Liebe zum Detail de Jong seine komplexen Szenenbücher entworfen hat, wie virtuos er mit Unterstützung des Ensembles Seiten faltet, Streifen zieht, Elemente auf- und zuklappt, ist ebenso bemerkenswert wie die Ausdruckskraft weniger gezeichneter Linien. Ein Augenrollen, ein verschmitztes Lächeln, eine schwer fallende Träne – die Palette der Emotionen ist erstaunlich weit. Und wenn der Operettenschmäh gefragt ist, wird er ohne Zögern geliefert: Mascha trifft Iwan mit der Tasche, Kokosnussschalen imitieren Pferdehufe. Auch das Papier hält so manchen Schmunzler bereit, etwa einen orientalisch gefärbten Tanz Sonjas, den Säbelstreich gegen die Champagnerflasche oder wenn das Chorensemble mit Zeichenbüchern eine vorbeifahrende Zugkette bildet. Diese heitere Vielfalt trägt mühelos durch den rund hundertminütigen Abend.
Ist die Zukunft der Operette nur noch queer?
Warum de Jong den konzeptionelle Akzent – der Zarewitsch als homosexueller Fürstensohn – hier zusätzlich setzt, mag man sich angesichts gegenwärtiger Operettenpraxis, die mittlerweile ohne queere Lesart nicht mehr auszukommen scheint, durchaus fragen. Zwingend erscheint er nicht. Doch bleibt der Eingriff dezent: Katuschukoff begegnet dem Zarewitsch vor allem in intimen Momenten, und die Setzung fügt sich ohne didaktische Belehrungen in das Gesamtbild.

Gschmackiger Lehár
Musikalisch präsentiert sich die Volksoper bodenständig und nahbar. Alfred Eschwé macht den trockenen Raumklang zur Tugend und formt mit gezielt eingesetzten Zutaten einen kraftvollen, wenn auch nicht üppigen Lehár-Fond. Prägend sind die süßlich zugespitzte, dem Csárdás verwandte Solovioline sowie das markante Pochen von Schlagwerk und Pauken; fein gesetzte Harfenfarben und Balalaika-Klänge vermeiden jede Spur von ausgewalztem Kitsch.
Haustenor David Kerber gibt dem Zarensohn eine unprätentiöse, klare Kontur, ohne ins Sentimentale zu gleiten (was bei Lehárs in Musik gegossenem Operettenernst – dem Wolgalied – durchaus schnell passieren kann). Hedwig Ritter setzt als Katuschukoff dynamisch stärkere Akzente und wird dafür zu Recht gefeiert. In der Phrasierung bleiben beide bisweilen zurückhaltend; gerade in den Gassenhauern dürfte der Text deutlicher konturiert sein. Enenkel und Khalil hingegen überzeugen als komisches Dienerpaar mit Musicalaffinität und selbstironischem Überschwang.
Am Ende ist es jedoch de Jongs konsequent durchgehaltener, ressourcenschonender Regieansatz fernab üppiger Ausstattung, der den Abend prägt – und erklärt, warum nicht wenige Zuschauer schon früh zu stehenden Ovationen ansetzen.
Volksoper Wien
Lehár: Der Zarewitsch
Alfred Eschwé (Leitung), Steef de Jong (Regie, Werkbearbeitung, Bühne & Kostüme), Wie Ken Liao (Choreografie), Alex Brok (Licht), Holger Kristen (Chor), David Kerber, Hedwig Ritter, Martin Enenkel, Juliette Khalil, Stefan Tanzer, Chor und Orchester der Volksoper Wien
Mi, 06. Mai 2026 20:00 Uhr
Musiktheater
Lehár: Der Zarewitsch
David Kerber (Der Zarewitsch), Hedwig Ritter (Sonja), Martin Enenkel (Iwan), Juliette Khalil (Mascha), Luka Hauser (Leitung), Steef de Jong (Regie)
Di, 26. Mai 2026 20:00 Uhr
Musiktheater
Lehár: Der Zarewitsch
David Kerber (Der Zarewitsch), Hedwig Ritter (Sonja), Martin Enenkel (Iwan), Juliette Khalil (Mascha), Luka Hauser (Leitung), Steef de Jong (Regie)
So, 31. Mai 2026 18:00 Uhr
Musiktheater
Lehár: Der Zarewitsch
David Kerber (Der Zarewitsch), Hedwig Ritter (Sonja), Martin Enenkel (Iwan), Juliette Khalil (Mascha), Luka Hauser (Leitung), Steef de Jong (Regie)
Mi, 03. Juni 2026 20:00 Uhr
Musiktheater
Lehár: Der Zarewitsch
David Kerber (Der Zarewitsch), Hedwig Ritter (Sonja), Martin Enenkel (Iwan), Juliette Khalil (Mascha), Luka Hauser (Leitung), Steef de Jong (Regie)
Do, 25. Juni 2026 19:00 Uhr
Musiktheater
Lehár: Der Zarewitsch
David Kerber (Der Zarewitsch), Hedwig Ritter (Sonja), Martin Enenkel (Iwan), Juliette Khalil (Mascha), Luka Hauser (Leitung), Steef de Jong (Regie)




