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Opern-Feuilleton: „Das kalte Herz“

Die Glut für das Feuer

Für Matthias Pintschers Märchenoper „Das kalte Herz“ hat Daniel Arkadij Gerzenberg erstmals ein Libretto verfasst.

vonPeter Krause,

Jede Epoche der Musikgeschichte hat bedeutende Opernkomponisten hervorgebracht – doch nur wirklich wenige legendäre Librettisten, die man noch heute in einem Atemzug mit den Schöpfern der Musik nennen würde: Arrigo Boito und Giuseppe Verdi, Hugo von Hofmannsthal und Richard Strauss bilden solche seltenen Dream Teams. Worin besteht nun die höchst anspruchsvolle Herausforderung und Kunst des Librettoschreibens? Wenn Daniel Arkadij Gerzenberg über das Verfassen von Opernlibretti spricht, öffnet sich ein Zwischenraum: jener schmale Grat, auf dem Literatur und Musik einander erst finden müssen. Er weiß, dass die Öffentlichkeit meist auf die Komponisten blickt, während Librettisten eher im Halbschatten bleiben. Doch er nimmt das gelassen. „Wer komponiert, steht vermutlich im Vordergrund, weil die Musik präsenter wahrgenommen wird“, sagt er, und ergänzt fast beiläufig: „Aber die Gattung blüht auf, wenn beide Kunstformen sich auf Augenhöhe begegnen.“ Der Librettist als leiser, aber unverzichtbarer Partner – eine Rolle, die Gerzenberg als Liedbegleiter vertraut ist. Für ihn besteht die Kunst des Librettos darin, Sprache so zu formen, dass sie etwas Eigenständiges bleibt und dennoch einen Resonanzraum für Musik öffnet. „Die Schwierigkeit besteht darin, einen literarischen Text zu verfassen, der Raum für Musik bereithält, der literarischen Kriterien genügt, aber zugleich den Raum der Musik mitdenkt“, sagt er. Ein Libretto darf nicht überwuchern, nicht alles schon aussprechen; es muss Glut sein, nicht Feuer – das Brennen kommt später, in der Partitur.

Kantabilität wird zum ästhetischen Kern des Textes

Gerzenberg beschreibt diese Arbeit als einen Prozess der feinen Antizipation, gespeist aus musikalischer Erfahrung: „Es ist eine Intuition, eine Vorstellung davon, welche Worte zu Musik werden können.“ Aus dem Klanggedächtnis des Pianisten und Liedbegleiters wächst das Sensorium des Librettisten: die Fähigkeit zu spüren, wie ein Wort sich dehnt, wenn es gesungen wird, wie eine Pause Bedeutung bekommt, wie Sprache Atem wird. Doch ebenso zentral ist die Kollaboration. Mit Matthias Pintscher entwickelte er über mehrere Jahre hinweg eine gemeinsame poetische Idee. Er schickte Texte, erhielt Impulse zurück, überarbeitete, horchte weiter. „Ich wollte von Matthias hören, ob ihn meine Sprache inspiriert und ob sie in seiner Vorstellung den Raum zur Komposition bereithält“, sagt er und zeigt, wie sehr dieses Schreiben ein hörendes ist. Die Frage der Kantabilität ist dabei kein technischer Nebenaspekt, sondern ein ästhetischer Kern. „Sobald gesungen wird, dehnt sich Sprache aus“, weiß Gerzenberg. Deshalb brauche ein Libretto Verdichtung statt Ausschmückung, poetische Prägnanz statt erzählerischer Breite. Die zu vertonenden Worte müssen „einer inneren Poetik folgen“, sie sollen klingen, tragen, sich verwandeln können. Es sei ein Glück für ihn, dass Pintscher von Beginn an den Wunsch hatte, „wirklich so für die Stimme zu schreiben, dass sie das Spektrum menschlicher Emotion ausdrückt“. Das gemeinsame Anliegen, Musik und Sprache nicht gegeneinander auszuspielen, sondern ineinander zu verschränken, habe den Arbeitsprozess durchzogen wie ein leiser Puls.

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Was diese Zusammenarbeit besonders macht? Gerzenberg spricht von Vertrauen, von einer Offenheit, die den anderen nicht festlegt, sondern ihn weiter werden lässt. „Matthias hat mich an Punkte gebracht, an die ich alleine nicht gegangen wäre“, schwärmt er. Und dieser Austausch wirkte in beide Richtungen: Die Sprache habe Pintscher in kompositorisches Neuland geführt, habe ihn positiv herausgefordert. So wurde das Libretto nicht nur Grundlage der Musik, sondern auch Impuls, Reibungsfläche, Motor. „In so einer Zusammenarbeit ist es wichtig, einander das Vertrauen zu schenken, die eigenen künstlerischen Grenzen auszuloten“, fasst Gerzenberg zusammen. Auch die literarische Grundlage, Hauffs Märchen „Das kalte Herz“, wurde in diesem Prozess verwandelt. Das Motiv des Herztauschs blieb, doch ansonsten entwickelte sich das Märchen zur „Folie“, auf der eine ganz eigene Geschichte entstehen konnte. „Das Märchen wurde zur Inspiration für einen eigenen Text“, sagt er. Und dieser Text öffnet sich zu weiten mythologischen Landschaften: altägyptische Gebete, Bilder deutscher Romantik, alttestamentarische Bezüge und Erkenntnisse aus der Traumaforschung. So entsteht eine Oper, die zugleich archaisch und gegenwärtig ist, eine Erzählung, die das Märchenhafte nicht abstreift, sondern es mit den Fragen unserer Zeit verschränkt.

Die innere Notwendigkeit einer Geschichte erzählen

Im Kern, so scheint es, schreibt Gerzenberg nicht nur ein Libretto – er kreiert einen Raum, in dem Klang und Bedeutung neu verhandelt werden. Vielleicht liegt genau darin die eigentliche Kunst dieser oft unterschätzten Textform: im Mut zur Offenheit, im Vertrauen auf die Musik, im Wissen, dass ein Libretto nicht die ganze Geschichte erzählen kann, aber ihre innere Notwendigkeit. Und dass die Oper erst dann beginnt, wenn Wort und Klang einander berühren und gemeinsam zu etwas Drittem werden.






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