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Interview Mao Fujita

„Musik soll in ein Labyrinth der Fantasie locken“

In Japan hat Pianist Mao Fujita die Technik, in Deutschland die Philosophie des Klavierspiels erlernt.

vonTeresa Pieschacón Raphael,

Mit technischer Brillanz, großer klanglicher Sensibilität und außergewöhnlicher Reife hat sich Mao Fujita in kurzer Zeit an die Spitze seiner Generation gespielt. Der japanische Pianist begeistert weltweit Publikum und Kritik gleichermaßen. Im Interview spricht er über die Kunst, auf der Bühne ganz im Moment zu sein, über die Wertschätzung klassischer Musik in seinem Heimatland – und über kleine und große Hände.

Ihre Eltern gaben Ihnen den Vornamen Mao. In China steht dieser Name für einen berühmten Diktator. In Japan aber hat er als Vorname eine andere Bedeutung …

Mao Fujita: Ja. In der japanischen Kultur bedeutet Mao „authentisch“, im „wahren Zentrum“ stehend. Es geht um die Einheit, die Balance, die Authentizität und Integrität. Das strebe ich auch als Künstler an.

Können Sie das erklären?

Fujita: Es geht mir nicht um mich persönlich, sondern darum, das Werk des Komponisten so authentisch wie möglich zu vermitteln. Er steht an erster Stelle. Und damit auch seine Wahrheit. Und nicht meine. Es geht nicht um mich auf der Bühne, sondern um das Werk. Ich habe da viel von Mozart gelernt, von dem ich in der Corona-Zeit alle 18 Klaviersonaten eingespielt habe. Jede einzelne Note ist von Bedeutung, jede Harmonie. Wenn man auch nur eine einzige nicht richtig trifft, ist alles verloren. Mit diesem Wissen im Hinterkopf reift die eigene Interpretation.

Es heißt, Beethovens „Neunte“ sei die heimliche Nationalhymne Japans. Womit erklären Sie sich die Faszination der Japaner für die westliche klassische Musik?

Fujita: Wir leben ja auf einer Insel und sind nicht so sehr umgeben von Einflüssen, wie es etwa in Europa der Fall ist. Und sind deshalb noch neugieriger auf das, was auf anderen Kontinenten passiert. Klassik spielte in Japan schon immer eine sehr große Rolle, auch in der Schule. Und dank Seiji Ozawa noch mehr. Er prägte die klassische Musik in Japan sehr und auch die Liebe dazu, und gründete das Saito Kinen Orchestra sowie das Matsumoto Festival.

Japan war ja bis Mitte des 19. Jahrhunderts isoliert, bis die Westmächte die Öffnung des Inselreichs erzwangen und damit auch ihre Kultur durchsetzten. Plötzlich trug der japanische Kaiser Frack statt Kimono. An allen japanischen Schulen wurde auf Befehl der Regierung Bach und Beethoven unterrichtet.

Fujita: Ah, wie interessant! Und heute treten alle großen europäischen und amerikanischen und sogar russischen Orchester bei uns auf. Wenn die Wiener oder Berliner Philharmoniker oder auch viele andere große Künstler bei uns auftreten, dann warten hunderte Fans am Künstlereingang.

Umgekehrt sind auch viele japanische Künstler in Europa präsent.

Fujita: Oh ja. Aber wenn ich in Japan auftrete, bin ich besonders nervös. Der Anspruch ist sehr hoch.

2023 wurde Mao Fujita mit dem Opus Klassik für die Gesamteinspielung aller Mozart-Klaviersonaten ausgezeichnet
2023 wurde Mao Fujita mit dem Opus Klassik für die Gesamteinspielung aller Mozart-Klaviersonaten ausgezeichnet

Liegt das daran, dass Höflichkeit, Perfektion und Hingabe in der japanischen Kultur sehr wichtig sind? Und indirekt somit auch die Wertschätzung, der Respekt vor der Klassik höher ist als bei uns in Deutschland?

Fujita: Ja, da ist etwas dran. Klassische Musik gehört zum Bildungskanon und ist auch ein Statussymbol.

Beneidenswert. Sie wuchsen in einem Medizinerhaushalt in Tokio auf …

Fujita: Bereits als einjähriges Kind bekam ich Rhythmus- und Gehörbildung. Mit drei Jahren fing ich an, Klavier zu spielen. Mein Vater, ein wunderbarer Mensch, hat mich immer unterstützt und respektiert. Auch wenn ich einen Fehler machte. Dann gab er mir die Möglichkeit, darüber nachzudenken. Tief beeindruckt war ich damals von dem Film „Horowitz in Moskau“ von 1986. Er spielte Mozarts Klaviersonate Nr. 10 im Großen Saal des Moskauer Konservatoriums. Ich habe die magische Verbindung seiner Finger mit dem Klavier, seinen Sound, die Klangfarben und die Ausgewogenheit seines Spiels nie wieder vergessen.

„Kleine Hände und ein kleiner Körper“ – so beschreiben Sie sich in einem Interview. Wie wichtig ist die Größe der Hände für einen Pianisten?

Fujita: Große und kleine Hände haben ihre Vor- und Nachteile. Und ohnehin kann man daran ja nichts daran ändern. Man muss mit den Händen zurechtkommen, die man geerbt hat. Große Hände können vielleicht leichter große Intervalle fassen, kleine Hände sind oft flexibler und auch schneller in den Passagen.

Rachmaninow hatte sehr große Hände …

Fujita: Ja, das habe ich besonders in seinem dritten Klavierkonzert gemerkt, mit seinen weitgespannten Akkorden und den riesigen Intervallen. Da musste ich beim Üben eine enorme Energie hineingeben und mit meinen kleineren Händen andere Hebel und Techniken einsetzen, um die Klangfülle zu erreichen. Und auch seine zwei Sonaten sind eine große Herausforderung. Da braucht es geistige Vorbereitung und physische Ausdauer, die Werke sind lang und komplex. Es ist wie bei Mozart: Jeder Ton muss präzise gespielt werden. Am allerwichtigsten ist es, die Strukturen zu verstehen und herauszufinden, wie der Komponist über sein Stück gedacht hat. Also sehr viel Arbeit, sehr viel üben und viel Analyse. Doch irgendwann kommt der Moment, da stehe ich auf der Bühne und fühle: Jetzt bin ich bereit. Jetzt kann es losgehen.

2017 gewann Mao Fujita den ersten Preis beim Clara-Haskil-Wettbewerb
2017 gewann Mao Fujita den ersten Preis beim Clara-Haskil-Wettbewerb

Rachmaninow litt an großen Selbstzweifeln und war beim Psychiater in Behandlung. In einem Interview sagen Sie, dass Angst und Lampenfieber daher kommen, dass man nicht gut genug vorbereitet ist. Hatte Rachmaninow zu wenig geübt? Oder ist das auch Persönlichkeitssache?

Fujita: Man muss tatsächlich 100 Prozent geben, besser noch 120 Prozent und auf alles wirklich vorbereitet sein. Dann bekommt man Sicherheit. Wir müssen uns auf die Details fokussieren. Die technischen Aspekte und auch die Virtuosität spielen eine untergeordnete Rolle.

Stichwort Technik. Auf dem Tschaikowsky-Wettbewerb in Moskau von 2019, auf dem Sie übrigens die Silbermedaille gewannen, sagte Ihnen ein Jurymitglied: Ihre Technik sei „russisch“. Können Sie dies erläutern?

Fujita: Mein früherer Professor auf dem Tokyo College of Music, Minoru Nojima, hatte in Moskau studiert, damals in der ehemaligen Sowjetunion. Ich habe sechs Jahre bei ihm studiert, bevor ich nach Berlin an die Hochschule für Musik Hanns Eisler ging. In seinem Unterricht sprach er nie von einem spezifischen Spielstil; dennoch kam es mir ganz natürlich vor, in jeder Unterrichtsstunde eine bestimmte Technik anzuwenden – selbst wenn ich mir dessen gar nicht bewusst war. Ich glaube, dass die Technik, die Minoru mir vermittelte – in Verbindung mit meiner Individualität –, mich zu dem Pianisten gemacht hat, der ich heute bin. Aber ich habe sehr viele Dinge in Berlin gelernt …

… von Kirill Gerstein, den Sie auch auf dem Tschaikowsky-Wettbewerb kennenlernten? Seinetwegen kamen Sie nach Berlin.

Fujita: Ja. Er hat meine Perspektiven enorm erweitert, mir viele Tipps gegeben, ohne mich zu etwas zu zwingen. In Japan hatte ich viel Technik, Theorie und Musikgeschichte gelernt. In Berlin an der Hochschule aber so viel mehr über die Menschlichkeit, die Philosophie, die in der Musik steckt, erfahren. Ich kann jetzt wirklich aus den Noten lesen.

Sie lieben die Bilder von Giuseppe Arcimboldo, der im 16. Jahrhundert durch seine Kompositköpfe berühmt wurde. Aus der Ferne zeigen sie menschliche Porträts, aus der Nähe entpuppen sie sich als raffiniert arrangierte Stillleben aus Blumen, Früchten, Tieren oder Objekten. Wenn Sie selbst ein Bild von sich arrangieren würden, welches Obst wäre dabei?

Fujita: Oh, das kann ich Ihnen nicht beantworten. Darüber müsste ich nachdenken. Eigentlich habe ich überhaupt keine malerische Begabung. Und ich finde auch, dass Musik und Malerei nicht so viel gemeinsam haben, wie man sonst immer behauptet. Aber ja, wenn ich vor diesen Bildern stehe, dann bin ich einfach begeistert von der Kraft der Imagination, die den Betrachter in ein Labyrinth der Fantasie lockt. Und das ist für mich die eigentliche Parallele zur Musik.

CD-Tipp:

Album Cover für

72 Preludes

Werke von Chopin, Skrjabin & Yashiro
Mao Fujita (Klavier)
Sony Classical

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