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Interview Jonas Kaufmann

„Mein erstes Engagement war eine Operette“

Jonas Kaufmann besinnt sich auf die sogenannte leichte Muse zurück – wobei er bei diesem Begriff schmunzeln muss.

vonPatrick Erb,

Mit seinem neuen Album und der Konzert-Tournee „Magische Töne“ kehrt Jonas Kaufmann zur Operette zurück – zu einem Repertoire, das ihn seit Jugendtagen begleitet und das er mit Leidenschaft verteidigt. Ein Gespräch über leise Verführungskünste, unterschätzte Meister und die Kunst, das Publikum träumen zu lassen.

Herr Kaufmann, was sind für Sie „magische Töne“?

Jonas Kaufmann: Ich glaube, das muss jeder für sich selbst entscheiden. Jeder braucht einen anderen Schlüssel, um seine Seele zu öffnen. Die einen stehen eher auf extreme, laute Momente, die anderen auf leise, zarte. Ich gehöre eher zur zweiten Kategorie. Das Titelstück „Magische Töne“ aus „Die Königin von Saba“ ist ultra-zart, zurückgenommen und weich. Aber Töne, die einen verzaubern, sind nie universell. Natürlich mag ich es auch nicht, wenn ein Abend nur gesäuselt wird. Man will ja, dass die Stimme auch aus dem Sack gelassen wird. Aber die Momente, die unter die Haut gehen, sind oft jene, die im Verhältnis zu den großen, lauten Stücken plötzlich zurückgenommen sind.

Ihr neues Programm ist fast ausschließlich der Operette gewidmet. Zuletzt stand diese 2019 auf Ihrem Album „Wien“ im Mittelpunkt. Woher kommt die Rückbesinnung?

Kaufmann: Es gibt kaum ein Repertoire, in dem so viele Melodien existieren, die angeblich niemand kennt und die doch jeder sofort erkennt, sobald sie erklingen. In der Oper kann man eine Handvoll Welthits aufzählen. In der Operette sind es sehr viel mehr, zumindest für Generationen, die damit aufgewachsen sind. Dennoch steht das Genre seltener im Fokus. Das finde ich erstaunlich und schade. Diese Musik geht unmittelbar ins Herz. Deshalb versuche ich jede Gelegenheit zu nutzen, eine Lanze für die Operette zu brechen, bei meinen Alben wie auch bei Live-Auftritten. Ich sage ja nicht, dass ich jetzt nur noch Operette singen möchte. Aber es würde mich freuen, wenn gerade große Häuser den Mut hätten, dieses Repertoire wieder stärker zu pflegen.

Hat diese Nähe biografische Wurzeln?

Kaufmann: Absolut. Meine Eltern und Großeltern hatten eine reichhaltige Plattensammlung mit vielen Operettenaufnahmen von Anneliese Rothenberger, Rudolf Schock und all den Klassikern. Als Jugendlicher habe ich auch die eher schnulzigen Verfilmungen gesehen. Diese Stücke tun niemandem weh, sie sind harmlos im besten Sinn, gerade in einer Zeit, wo man vorsichtig sein muss, welche Bilder man zeigt. Ich glaube übrigens, dass das Operettenrepertoire nicht nur mich damals, sondern auch heutige Jugendliche bewegen kann. Musiktheater hat eine enorme emotionale Kraft: Bühne, Licht, Kostüm, Orchester, Live-Stimmen – das sind relativ einfache Mittel, die aber eine unglaubliche Wirkung entfalten können. Das funktioniert generationenübergreifend.

1993 sang Jonas Kaufmann mit der Rolle des Caramello in Johann Strauss’ „Eine Nacht in Venedig“ erstmals in einer Operette
1993 sang Jonas Kaufmann mit der Rolle des Caramello in Johann Strauss’ „Eine Nacht in Venedig“ erstmals in einer Operette

Die Operette gilt als „leichte Muse“. Ist das ein Missverständnis?

Kaufmann: Ich schmunzle über diesen Begriff. Leicht ist sie vielleicht im Sinne von leicht verdaulich, aber ganz bestimmt nicht leicht zu kreieren. Die musikalischen Kniffe, mit denen man das Publikum überzeugt, sind hochraffiniert. Und was die angebliche Banalität betrifft: Da steht sie der „klassischen“ Oper in nichts nach. Das Gros der Opernlibretti ist nicht weniger simpel. Nur merken wir es weniger, weil sie oft in einer Fremdsprache gesungen werden. In der Operette versteht man jedes Wort, und plötzlich wirkt es direkter. Darüber hinaus verlangt dieses Repertoire enorm viel: Man muss spielen, sprechen, sich bewegen können und gleichzeitig eine Stimme haben, die von den zartesten Pianissimi, jenen magischen Tönen, bis zur vollen Entfaltung alles hergibt. Um über die üppige Lehár-Orchestrierung zu kommen, gegen die Puccini manchmal wie ein Barockkomponist wirkt, braucht man schon viel Stimme. Ich hatte zu Beginn meiner Karriere noch Tanz, Fechten und Schauspiel gelernt, da ging man noch davon aus, dass Sänger auch viel Operette machen werden, denn dort ist das essenziell.

Warum funktioniert Operette gerade an kleineren Häusern so gut?

Kaufmann: Weil sie – gut gemacht – ein Erfolgsgarant ist. Gerade Stadttheater stehen unter einem anderen Druck als große internationale Häuser: Es geht konkret um Publikumsbindung, Auslastung und um die Legitimation öffentlicher Mittel. Ein Spielplan muss nicht nur auf dem Papier, sondern vor allem auch im Saal funktionieren. Man kann nicht am Publikum vorbeiplanen – öffentliches Interesse zeigt sich darin, dass Besucher kommen. Und Operette hat einen entscheidenden Vorteil: Das Publikum fühlt sich abgeholt, nicht belehrt. Viele Häuser wissen zudem, wie wichtig Ensemblepflege ist. Wenn Sänger regelmäßig präsent sind, entsteht Bindung. Man kommt nicht nur wegen eines Titels, sondern um zu sehen, wie sich „die eigenen“ Künstler entwickeln. Das ist ein Gegengewicht zum globalisierten Betrieb, in dem internationale Gäste ein- und ausfliegen. Die lokale Verwurzelung ist ein unschätzbarer Wert – das sage ich jetzt als Jonas Kaufmann, der selbst davon profitiert, dass Menschen in die großen Städte kommen, um mich zu hören.

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Operette bietet eine heile Welt. Brauchen wir diese Traumräume heute wieder stärker?

Kaufmann: Dieses Genre ist aus der Sehnsucht heraus entstanden, für ein paar Stunden die Sorgen zu vergessen, sich entführen zu lassen. Das gab es vor dem Ersten Weltkrieg, zwischen den Weltkriegen, in der Nachkriegszeit, und das ist auch heute legitim. Die Grausamkeiten des Alltags erleben wir ja ohnehin. Ich sehe es kritisch, wenn man Stücke mit dem Hammer aktualisiert und ständig das Gesellschaftskritische sucht. Viele Menschen gehen ins Theater, um auch mal mit einem Lächeln nach Hause zu gehen und nicht um mit immer neuen Problemen beladen zu werden.

Opernstar mit goldener Stimme: Jonas Kaufmann
Opernstar mit goldener Stimme: Jonas Kaufmann

Sie haben neben Lehár und Kálmán auch weniger bekannte Komponisten aufgenommen. Warum?

Kaufmann: Nach meinem Wien-Album wollte ich die ungarische Seite stärker beleuchten. Alle Komponisten des Programms sind in Ungarn geboren. Neben den beiden großen Namen, die international durchstarteten und präsent geblieben sind, gibt es zahlreiche Künstler, die heute kaum mehr gespielt werden, obwohl ihre Musik hörenswert ist. Jenö Huszka etwa schrieb ausschließlich auf Ungarisch und blieb dadurch international weitgehend unbekannt – oder, wie man in Österreich sagt: nur in Wien weltberühmt. Gerade das zeigt die Vielfalt dieser Epoche. Andere wie Paul Abraham suchten bewusst die Moderne und nahmen neue Einflüsse auf, etwa jazzige Elemente. Besonders wichtig war mir die bekannteste Szene aus Ferenc Erkels „Bánk bán“; sie gilt als ungarische Nationaloper und wurde noch vor der Vereinigung zur Doppelmonarchie uraufgeführt.

Warum haben Sie mit dem Orchester der Ungarischen Staatsoper aufgenommen?

Kaufmann: Das war von Anfang an mein Ziel. Wenn man dieses Repertoire ernst nimmt, dann liegt es nahe, mit einem Orchester zu arbeiten, das diese Musik im Blut hat. Wir haben auf dem Album zum Beispiel eine Nummer mit Solovioline, die gar nicht wirklich notiert ist. Das gehört einfach dazu. Wir kamen also hin und sagten: „Wie sieht es denn aus, könnte man da vielleicht …?“ Und sofort hieß es: „Ja, ja, das macht unser Kollege da vom zweiten Pult.“ Der stellte sich hin, ohne große Vorbereitung, und improvisierte das einfach – druckreif, frei, völlig selbstverständlich. Das war unfassbar. Diese Art von Authentizität kann man schwer herstellen. Überhaupt war durchweg zu spüren, wie wichtig den Musikern dieses Repertoire ist. Manchmal legten sie in einem derart rasanten Tempo los, dass wir erst einmal bremsen mussten. Aber man merkte: Da sind eigene Traditionen, eigene Vorstellungen und eine gewachsene Praxis.

Mit dabei ist auch die Sopranistin Nikola Hillebrand.

Kaufmann: Sie ist eine großartige, aufstrebende Sopranistin, die ich vor Jahren bei einer konzertanten „Fledermaus“ in Dresden kennengelernt habe. Ich habe ihre Entwicklung seither mit großem Interesse verfolgt. Für dieses Programm braucht man eine Stimme mit Frische, Leichtigkeit und einer selbstverständlichen Textbehandlung, jemanden, der diese Mischung aus Charme und Präzision im kleinen Finger hat. Das hat sie wunderbar eingebracht. Gerade für unsere Duette war ihre Klangfarbe ideal. Für die Tournee mit diesem Programm, das wir in 13 Städten präsentieren, darunter Wien, Budapest, Paris, Hamburg, München und Luzern, konnten wir Malin Byström gewinnen, mit der ich bereits in „Don Carlos“ und „La Fanciulla del West“ auf der Bühne gestanden habe. Ich bin sehr gespannt, wie unser Konzertprogramm in den unterschiedlichsten Regionen aufgenommen wird.

Dürfen wir Sie bald auch szenisch in der Operette erleben?

Kaufmann: Das würde mich freuen. Zwar gehen die Angebote meist in andere Richtungen, aber ich kämpfe darum. Denn es macht mir großen Spaß, Dialoge zu sprechen und zu spielen, etwas, das im Opernbetrieb viel zu selten vorkommt. Mein erstes Engagement während des Studiums war tatsächlich eine Operette: über 30 Aufführungen von „Eine Nacht in Venedig“ in Regensburg. Ich habe dieses Genre dort sehr lieben gelernt. Vielleicht braucht es einmal einen großen Erfolg, damit andere Häuser nachziehen. Ich würde es mir wünschen.

Aktuelles Album:

Album Cover für Magische Töne – Werke von Lehár, Kálmán, Abraham, Erkel, Huszka u. a.

Magische Töne – Werke von Lehár, Kálmán, Abraham, Erkel, Huszka u. a.

Nikola Hillebrand (Sopran), Jonas Kaufmann (Tenor), Orchester der Ungarischen Staatsoper, Dirk Kaftan (Leitung).
Sony Classical

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