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Opern-Feuilleton: Kulturengagement in finanziellen Krisenzeiten

Kultur nach Kassenlage

Opernhäuser hängen am finanziellen Tropf der Kommunen, denen das Geld ausgeht. Daher braucht es radikale Reformen.

vonPeter Krause,

Eine Hiobsbotschaft kommt selten allein. Erst sagten die traditionsreichen Eutiner Festspiele ihre Saison 2026 komplett ab. Trotz rekordverdächtiger Besucherzahlen, trotz herausragender Eigenproduktionen von Oper und Musical, trotz einer durch eine Studie belegten Umwegrentabilität, der zufolge jeder in das Festival investierte Euro als wirtschaftliche Wertschöpfung siebenfach in Stadt und Region zurückfließt. Doch Eutin war letztlich nicht bereit, für die Festspiele als Mehrheitseigner einer gemeinnützigen GmbH langfristig die Verantwortung zu übernehmen und die Strukturen zu professionalisieren.

Dann die Nachricht aus der Mendelssohn-, Schumann- und Wagnerstadt: Der Oper Leipzig drohe in wenigen Jahren die Zahlungsunfähigkeit. Sie schreibt Verluste, ihr Defizit wuchs im Jahr 2025 auf 2,3 Millionen Euro. Ab 2028 verfüge die Oper „nicht mehr über die notwendige Liquidität, um den geregelten Geschäftsbetrieb aufrechtzuerhalten“. Deren Leitung erklärt das Minus mit gestiegenen Energie-, Personal- und Materialkosten bei stagnierenden Einnahmen. Doch eine höhere städtische Förderung gilt als unwahrscheinlich. Angesichts des städtischen Haushaltsdefizits von rund 280 Millionen Euro soll auch die Oper einen Beitrag zur Konsolidierung leisten: Sie wird in den kommenden Jahren weniger Zuschüsse erhalten, nicht mehr.

Alte Überzeugungen erodieren

Eutin und Leipzig sind keine Einzelfälle. Es sind Vorboten brutaler Verteilungskämpfe und Legitimationsprobleme. Dabei galt das deutsche Opernsystem lange als unerschütterlich: über 80 öffentlich finanzierte Musiktheater, getragen von der Überzeugung, dass Hochkultur zur Daseinsvorsorge gehört. „Theater muss sein!“, schrieb sich der Deutsche Bühnenverein seit 1995 auf die Fahnen. Doch diese Überzeugung erodiert, verliert den politischen und gesellschaftlichen Konsens. Der Kern des Problems ist banal und brisant: Opernhäuser hängen am Tropf der Kommunen. Doch die Gemeinden sind arm. Kultur ist dort keine Pflicht-, sondern eine freiwillige Aufgabe. In Zeiten klammer Kassen bedeutet dies: Oper steht auf der Streichliste, lange bevor es um Schulen, Straßen oder Sozialleistungen geht. Wer heute ein Opernhaus verteidigt, muss erklären, warum es wichtiger sein soll als eine sanierungsbedürftige Brücke. Diese Debatte scheut die Regionalpolitik – und kürzt.

Freistaat Bayern zeigt, wie es geht

Das reiche Bundesland Bayern zeigt freilich, dass es anders geht. Augsburg, Nürnberg, bald wohl auch weitere Häuser wurden vom Freistaat übernommen und in Staatstheater überführt. Das ist kulturpolitisch klug, aber auch ein Luxusmodell. Denn es setzt etwas voraus, das nicht jedes Bundesland hat: Geld. Die Folge ist eine neue kulturelle Spaltung. Oper bleibt dort stabil, wo der Staat solvent ist. Und wird prekär, wo er sparen muss. Kulturnation nach Kassenlage. Krise als Systemlogik. Dabei wirken viele Häuser wie aus der Zeit gefallen mit ihren riesigen Apparaten, hohen Fixkosten, starren Tarifverträgen – erdacht für ein Nachkriegsmodell stetig wachsender öffentlicher Budgets. Doch die Budgets schrumpfen, während die Kosten explodieren. Das System ist nicht mehr resilient. Es reagiert auf Kürzungen nicht mit Reformen, sondern mit Substanzverlust, Schließtagen, weniger Premieren.

Vielleicht braucht es radikalere Antworten als die bloße Landesübernahme. Warum gibt es keinen bundesweiten Fonds für systemrelevante Kulturinstitutionen? Warum keine ernsthaften steuerlichen Anreize für Mäzenatentum? Wo sind neue Public-Private-Partnership-Modelle? Warum gilt die kluge Kooperation zwischen Opernhäusern als Identitätsverlust und nicht als Chance? Und warum wird die Frage nach der Zukunft der Oper fast ausschließlich fiskalisch, aber kaum kulturpolitisch geführt? Wo ist das Wagnis ästhetischer, organisatorischer, gesellschaftlicher Diskurse und Reformideen? Wer Opernhäuser jetzt zuschließt, wird sie später nicht einfach wieder öffnen können. Denn was verloren ginge, ist nicht nur ein Spielbetrieb, sondern kulturelles Gedächtnis, städtisches Selbstbewusstsein, öffentlicher Raum. Die Krise der Oper ist ein Testfall dafür, wie ernst es Deutschland mit seiner kulturellen Substanz und seinen Bildungsidealen meint.

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