Als eine der profiliertesten Sopranistinnen ihrer Generation zählt Regula Mühlemann zu den prägenden Stimmen der Schweiz. Mit natürlicher Leuchtkraft und stilistischer Neugier ist die Konzert- und Opernsängerin auf den großen europäischen Bühnen zu Gast – viele davon sind längst zu ihren „musikalischen Wohnzimmern“ geworden, zu denen sie gerne zurückkehrt.
Sie sind in Adligenswil bei Luzern aufgewachsen. Wie klingt Heimat für Sie?
Regula Mühlemann: Heimat hat für mich viel mit meiner Kindheit zu tun. Ich bin mit viel Musik aufgewachsen, etwas, das in den letzten Jahrzehnten leider ein wenig verloren gegangen ist. Im Freundeskreis meiner Familie wurde oft gemeinsam musiziert. Es wurde gesungen und Gitarre gespielt, bei Besuchen ebenso wie bei Festen, von Volksliedern bis zu Beatles-Songs.
Zwischen Alphorn und Kuhglocken: Gibt es musikalische Klischees, die Sie gerne abräumen würden? Oder treffen manche sogar zu?
Mühlemann: Ich habe kürzlich etwas erlebt, das mich selbst überrascht hat. Bei einem Raclette-Abend habe ich spontan eine Playlist mit Schweizer Volksmusik gehört, unter anderem einen Jodelchor, und war plötzlich tief berührt. Dabei habe ich damit sonst wenig zu tun. Aber dieser Chorklang hatte eine unmittelbare emotionale Kraft. Da entstand der Gedanke, vielleicht einmal ein Schweizer Lied als Zugabe zu singen. Gleichzeitig finde ich es großartig zu beobachten, wie viele junge Menschen sich der Volksmusik wieder zuwenden, sie modernisieren und neu beleben.
2019 haben Sie das Album „Lieder der Heimat“ veröffentlicht. Wie kam es dazu?
Mühlemann: Eine sehr intuitive Eingebung. Ich war viel in Italien, habe an der Scala gearbeitet, und als ich zurück in die Schweiz gefahren bin, jenseits des Gotthardtunnels, sah ich diese archaische Landschaft: die Berge, den Vierwaldstättersee, das wilde Licht – das alles löste starkes Gefühl von „jetzt bin ich wieder zu Hause“ in mir aus. Ich dachte mir: Diese Landschaft muss doch Komponisten inspiriert haben. Natürlich findet man keinen zweiten Schubert, aber ich habe viele wunderbare Lieder entdeckt.
Seit jeher ist die Schweiz kulturell durch Sprachgrenzen unterteilt. Schlägt das kulturelle Herz dennoch gemeinsam – oder tickt Zürich anders als Genf, Basel anders als Lugano?
Mühlemann: Man spricht gern vom „Röstigraben“. Tatsächlich sehe ich deutliche Parallelen zwischen der Deutschschweiz und Deutschland einerseits, dem Tessin und Italien, der Romandie und Frankreich andererseits. Diese Einflüsse sind stark, auch wenn wir uns das nicht immer eingestehen wollen. Wir haben gewissermaßen alle einen „großen Bruder“ im Nachbarland und zugleich den Wunsch, eigenständig zu bleiben. Dieses Spannungsfeld prägt uns.
Warum fällt der Schweiz der Umgang mit Patriotismus leichter als Deutschland?
Mühlemann: Das hat sicher mit unserer Geschichte und der Neutralität zu tun, die freilich nicht makellos war, aber vielleicht dazu beigetragen hat, dass Heimatliebe weniger politisch aufgeladen ist. Man darf die Schönheit eines Ortes oder der Natur besingen, ohne dass es sofort ideologisch gelesen wird. Die Nähe zur Natur ist für viele Schweizer selbstverständlich: Wald, Berge und Stadt liegen nah beieinander – ich glaube, es werden in keinem Land so viele Trekkingausrüstungen verkauft wie hier.
Wie nehmen Sie das Publikum in der Schweiz wahr?
Mühlemann: Da gibt es Parallelen. In großen Städten wie Zürich oder Genf spürt man Internationalität, Offenheit und trifft auf ein jüngeres Publikum. Gleichzeitig fällt auf: Je kleiner die Stadt, desto älter das Publikum. In der Schweiz wird leider zu wenig in musikalische Bildung investiert.
Zuletzt sorgte der Bürgerentscheid gegen den Erweiterungsbau des Luzerner Theaters für Diskussionen. Wie schätzen Sie diesen Fall ein?
Mühlemann: Es war keine grundsätzliche Ablehnung von Kultur, das Projekt war schlicht zu ambitioniert. Statt einer notwendigen Sanierung war eine massive Erweiterung mit mehreren neuen Sälen geplant, sehr nah an der Kirche. Das war vielen zu viel. Dabei ist das Luzerner Theater dringend renovierungsbedürftig; ich habe dort selbst gearbeitet und kenne die prekären Platzverhältnisse hinter der Bühne. Luzern ist eine überschaubare Stadt, und ein kleineres, passenderes Projekt hätte vermutlich bessere Chancen gehabt.
Sie singen von italienischer Barockoper über Wiener Klassik bis zur französischen Romantik ein breites Repertoire. Die Spätromantik taucht bislang seltener auf. Warum?
Mühlemann: Das war für mich ein bewusster Weg der Stimmentwicklung. Ich habe mich nie gedrängt, früh alles zu singen, sondern bin mit leichterem, transparentem Repertoire eingestiegen und habe mir Zeit gelassen, was mich bis heute gesund gehalten hat. Außerdem bleibt es motivierend, wenn noch herausfordernde Rollen vor einem liegen.

Gibt es Partien, die Sie unbedingt singen wollen?
Mühlemann: Es gibt viele Kolleginnen und Kollegen, die jedes Werk, jede Partie kennen und von klein auf davon träumen. Ich bin nicht mit einem fundierten Opernhintergrund aufgewachsen und immer noch im Entdeckermodus. Was in den Radius des Möglichen rückt, interessiert. Ich habe gelernt, meine Qualitäten realistisch einzuschätzen. Früher dachte ich manchmal, ich hätte gern eine schwere, samtene „Rotweinstimme“, bis mir einmal jemand sagte: „Aber Sie haben doch eine Champagnerstimme.“ Das hat mir sehr gefallen und mir geholfen zu verstehen, dass Leichtigkeit, Klarheit und Frische eine enorme Qualität sind.
Ein weiterer Schwerpunkt ist das Oratorium. Inwiefern unterscheidet es von der Oper?
Mühlemann: Gar nicht so stark, wie man denkt. Oratorien und Passionen sind theatralische Stoffe. Man sollte sie auch so behandeln, weshalb sie zunehmend szenisch aufgeführt werden. Die Messe hingegen ist stärker nach innen gerichtet, vergleichbar mit dem Liedgesang: Es geht um Intimität und ein inneres Öffnen. Langweilig wird es, wenn geistliche Musik aus falscher Ehrfurcht emotional unterkühlt bleibt
Sie sind viel unterwegs, arbeiten intensiv. Wo kommen Sie zur Ruhe?
Mühlemann: Zu Hause. Dort sind die Menschen, die mir wichtig sind. Viele unterschätzen, wie lange man sich für eine Produktion in anderen Städten aufhält – zweieinhalb Monate sind keine Seltenheit. Ich plane inzwischen gezielt längere Pausen ein, besonders im Sommer. Das gibt Gestaltungsspielraum und schützt davor, auszubrennen.
Welche Rolle spielt Stille in Ihrem Leben?
Mühlemann: Eine sehr große. Sänger gelten oft als extrovertiert, laut, exzentrisch, und das stimmt auch zum Teil. Auf der Bühne gibt man unglaublich viel von sich preis. Dafür braucht man Energie. Nach langen Probenprozessen brauche ich Stille fast körperlich. Keine Musik, kein Lärm, kein Input. Auch privat. Mein Mann hört morgens gern sofort Radio – für mich ist das fast unerträglich.
Sie haben früh große Erfolge erlebt. Wie verändert sich der Blick auf den Beruf mit der Zeit?
Mühlemann: Ich muss niemandem mehr etwas beweisen. Man debütiert nicht mehr in einem großen Haus, sondern kommt dorthin zurück, weil man geschätzt wird. Für mich war entscheidend, dass meine Motivation immer aus der Musik selbst kam. Ich habe nie von Orten oder Orchestern geträumt, sondern davon, eine Arie wirklich gut zu singen: Den Moment zu genießen, den Druck loszulassen und für die Kunst zu arbeiten, ist ein großes Privileg.
Abschließend gefragt: Als Land im Herzen Europas genießt die Schweiz eine gewisse Sonderrolle. Welche Erwartungen und Visionen verknüpfen Sie mit Ihrem Heimatland?
Mühlemann: Ich wünsche mir vor allem, dass es friedlich bleibt. Die Schweiz hat gelernt, mit Meinungsvielfalt zu leben. Neutralität darf dabei kein Vorwand für Haltungslosigkeit sein, gerade heute braucht es klare Werte. Was mir Hoffnung gibt, ist unser demokratisches System: Entscheidungen werden getragen, auch wenn sie knapp ausfallen. Diese Beweglichkeit, das Vertrauen in den Dialog, ist eine zentrale Stärke der Schweiz und wichtig für eine konstruktive Rolle im europäischen Miteinander.
Aktuelles Album:
Fairy Tales
Werke von Offenbach, Massenet, Verdi, Purcell, Grieg u. a.
Regula Mühlemann (Sopran), Chaarts Chamber Artists
Sony Classical



