Isata Kanneh-Mason meldet sich mit einem Kaleidoskop von Sergej Prokofjews Klaviermusik zurück. Im Fokus ihres neuen Albums steht dessen drittes Klavierkonzert. Welche Rolle das Stück für ihren künstlerischen Werdegang gespielt hat, was die britische Pianistin an der Klangsprache des Russen schätzt und wieso gemeinsame Auftritte mit ihrem Bruder, dem Cellisten Sheku Kanneh-Mason, immer etwas Besonderes sind, verrät sie im Interview.
Mit Prokofjew widmen Sie sich nach Clara Schumann wieder einem einzigen Komponisten auf einem Album. Warum er?
Isata Kanneh-Mason: Das Album ist um sein drittes Klavierkonzert herum entstanden, das ich schon seit vielen Jahren aufnehmen wollte. Als ich es zum ersten Mal gehört habe, war ich im Studium in einer Phase, in der mir das Üben schwerfiel. Dann bin ich auf YouTube auf eine Aufnahme mit Yuja Wang gestoßen, die mich so mitgerissen hat, dass meine Lust am Üben neu entfacht wurde. Seitdem hat dieses Stück für mich eine ganz besondere Bedeutung.
Was fasziniert Sie damals wie heute an dem Stück?
Kanneh-Mason: Seine Musik ist rhythmisch ungemein lebendig und sehr elektrisierend. Ich mag es, wenn Stücke etwas Perkussives haben, zugleich aber auch lyrische Momente offenbaren. Das spricht mich in meiner Art, Klavier zu spielen, sehr an. Das Konzert wühlt auf und ist von großer emotionaler Tiefe geprägt.
Welche Idee liegt dem Album zugrunde?
Kanneh-Mason: Viele kennen Prokofjew als Ballettkomponisten oder denken an seine Klavierkonzerte und die Toccata. Ich wollte möglichst viele seiner Facetten zeigen. Da ist das Tänzerische in der Musik aus „Romeo und Julia“ und „Cinderella“, Leichtgängiges im sogenannten Harfen-Präludium, aber es gibt eben auch eine dunkle Seite wie in der dritten Sonate. Prokofjew hat einmal gesagt, er habe das Konzert in fünf unterschiedlichen Stimmungen komponiert. Das wollte ich auf das ganze Album übertragen.
Welche Entdeckungen haben Sie beim Einstudieren der hier versammelten Werke gemacht?
Kanneh-Mason: Prokofjew zu üben, ist immer spannend, weil viele Passagen, so wie sie notiert sind, anfangs verwirren. Man muss auf engstem Raum zwischen beiden Händen wechseln oder über Kreuz spielen, was sich anfangs oft unnatürlich anfühlt. Dabei geht es immer um das Wahrnehmen bestimmter rhythmischer Ideen, die ineinandergreifen. Früher oder später klappt es aber, und man versteht, wie pianistisch das alles ist, und die Musik wird Teil von einem selbst. Sobald diese hohe Hürde des Entzifferns überwunden ist, macht es richtig Spaß, und ich spüre beim Üben eine besondere Energie.
Was macht diese Musik emotional mit Ihnen?
Kanneh-Mason: Auch wenn es viele dunkle Seiten in seiner Musik gibt, entdecke ich so viele tänzerische Passagen, so viel Freude – denken Sie nur an das Ende des dritten Satzes im dritten Klavierkonzert –, dass es mich elektrisiert.
Worauf legen Sie in Aufnahmen besonderen Wert?
Kanneh-Mason: Ich möchte so wenig wie möglich im Nachhinein nachbessern. Mir geht es darum, dass man beim Anhören die Energie eines Live-Konzerts spürt und dass nichts statisch wirkt. Wenn wir eine Stelle wiederholen mussten, haben wir immer den ganzen Abschnitt und nicht nur die betroffenen Takte noch einmal gespielt. Das hat viel Kraft gekostet, aber es hat sich gelohnt. Wenn ich am Ende eines Aufnahmetags mental völlig erschöpft bin, war es ein guter Tag. Bei der Session mit dem Philharmonia Orchestra und Ryan Bancroft war auch meine Familie dabei, das war etwas ganz Besonderes.
Sie sind das älteste von sieben Geschwistern, sie alle sind musikalisch aktiv. Hatten Sie manchmal das Gefühl, Sie müssten als große Schwester mit gutem Beispiel vorangehen?
Kanneh-Mason: Ja, eine Zeit lang war das so, aber das war nie meine Motivation. Ich habe zwar als Erste mit dem Musizieren angefangen, aber meine Geschwister zogen schnell nach – nicht, weil sie es mussten, sondern aus echter Leidenschaft für die Musik. Und das ist es, was uns alle bis heute antreibt. Wir unterstützen uns gegenseitig. Ich bekomme genauso Ratschläge von ihnen, wie ich ihnen welche gebe.
Wieso haben Sie sich eigentlich für das Klavier entschieden?
Kanneh-Mason: Meine Großeltern hatten ein Klavier bei sich zu Hause, auf dem ich einfach Dinge ausprobiert habe. Mir hat schnell gefallen, dass ich ein Lied im Radio hören und dann versuchen konnte, es auf dem Klavier nachzuspielen. Auf diese Weise bin ich überhaupt zur Musik gekommen. Das Klavier bietet mit seinen vielen Klangfarben und dem weiten Tonumfang beinahe unbegrenzte Möglichkeiten. Das hat mich angezogen.
Sie decken die ganze Bandbreite pianistischer Aktivität vom Solorecital über Kammermusik bis zu Orchesterkonzerten ab. Was macht Ihnen am meisten Freude?
Kanneh-Mason: Wahrscheinlich ist es die Kammermusik, weil man hier mit einer kleinen Gruppe von Musikern in einen unmittelbaren Austausch tritt.

Ist es etwas Besonderes, wenn Sie mit Ihrem Bruder Sheku gemeinsam auf der Bühne stehen?
Kanneh-Mason: Auf jeden Fall! Weil wir schon so viele Jahre zusammenspielen, fühlt es sich meistens so an, als könnten wir die Gedanken des anderen lesen. Wir kennen unser gegenseitiges Spiel so gut, dass wir uns sofort zu einhundert Prozent auf die Musik konzentrieren können.
Welche Musiker haben Sie am meisten beeinflusst?
Kanneh-Mason: Als Kind war Martha Argerich mein größtes Vorbild am Klavier. Sie ist bis heute meine Lieblingspianistin, auch wenn ich Yuja Wang, die ich später über das Prokofjew-Konzert entdeckt habe, ebenfalls sehr schätze. Beide können mit ihrer Leidenschaft, Kühnheit, manchmal auch Unberechenbarkeit, die stets aus ihrem Inneren kommt, und mit ihrer unmittelbaren Verbindung zum Instrument die Musik zum Leben erwecken. Ganz so, als ob das Stück gerade erst komponiert würde. Ich mag aber auch die Geigerin Janine Jansen, und ich bin mit viel Musik von Beyoncé, Rihanna und Bob Marley aufgewachsen. Als Komponist liegt mir Rachmaninow sehr am Herzen: Sein Umgang mit Harmonik und Stimmführung ist außergewöhnlich, in seiner Musik passiert unglaublich viel gleichzeitig. Daraus entsteht eine Atmosphäre, die von größter Leidenschaft geprägt ist. Eines Tages sein drittes Klavierkonzert aufzunehmen, wäre ein großer Meilenstein für mich.
Als Teenager standen Sie einmal mit Elton John auf der Bühne.
Kanneh-Mason: Ich habe damals Bratsche gespielt. Ich erinnere mich noch gut an sein Charisma, daran, wie er das Publikum quasi in seiner Hand hatte. Als er auf das Klavier gesprungen ist, sind alle im Saal sofort aufgestanden, und ich dachte nur, wie beeindruckend es ist, eine solche Wirkung auf die Zuschauer zu haben.
Welchen Rat würden Sie jungen Pianisten geben, die noch ganz am Anfang ihrer Karriere stehen?
Kanneh-Mason: Natürlich ist das alles nicht in Stein gemeißelt, und vieles passiert einfach, aber man sollte sich gut überlegen, welche Chancen man ergreifen will, und sich im Vorfeld bewusst machen, wohin die Gelegenheit führen kann. Wenn man zu oft Dingen zustimmt, die nicht dem eigenen Profil entsprechen, läuft man Gefahr, in eine Richtung gedrängt zu werden, die man gar nicht einschlagen wollte. Je mehr man sich aber auf das konzentriert, was wirklich zu einem passt, desto klarer wird das eigene Profil, und die eigene Energie fließt in das, was man wirklich machen möchte.
Aktuelles Album:
Prokofjew: Klavierkonzert Nr. 3, Toccata, Klaviersonate Nr. 3 u. a.
Isata Kanneh-Mason (Klavier), Philharmonia Orchestra, Ryan Bancroft (Leitung). Decca

