Startseite » Interviews » „Es ist mir eine Lust, die Spieltradition nicht zu berücksichtigen“

Interview Christian Tetzlaff

„Es ist mir eine Lust, die Spieltradition nicht zu berücksichtigen“

Christian Tetzlaff zeigt beim Geigenspiel Verletzlichkeit und Mut. In der Spielzeit 2025/26 residiert er beim Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin.

vonSören Ingwersen,

Er zählt zu den profiliertesten Geigern weltweit, hat 16 Violinkonzerte uraufgeführt und kürzlich zwei Werke von Thomas Adès und Edward Elgar mit dem BBC Philharmonic Orchestra eingespielt. Im Interview erzählt der gebürtige Hamburger Christian Tetzlaff von der religiösen Kraft der Musik – und vom Verlust des Paradieses.

Kürzlich gaben Sie zu Protokoll, Sie möchten als Solist gemeinsam mit dem Orchester und dem Publikum erleben, wie sich Musik verwandelt, wenn man sie immer wieder neu befragt. Wenn Sie sich selbst neu befragen: Inwiefern haben Sie sich seit dem letzten concerti-Interview vor sieben Jahren verändert?

Christian Tetzlaff: Äußerlich betrachtet nicht viel. Ich habe keine neuen Pläne, sondern bin sehr glücklich, wenn ich Konzerte gebe. Aber wenn ich an meine Kinder denke, die jetzt 13, 11 und 9 sind, machen sieben Jahre einen enormen Unterschied. Innerlich passieren tausend Dinge in der Familie und in Freundesbeziehungen, und das Leben lässt einen ständig hin- und herspringen.

Wird das Musizieren dadurch beeinflusst? Welche Rolle spielt das persönliche Empfinden in Ihrer Kunst?

Tetzlaff: Ich glaube, es ist die einzig relevante Komponente. Man muss daran glauben, etwas Wichtiges teilen zu können und dabei – wie Beethoven oder Schubert – nichts an Schmerz, Scham, Verzweiflung und übergroßer Freude auslassen. Menschen können sehr unterschiedlich sein, aber es gibt einen Kern von Schönheit und Verletzlichkeit, der durch die Kunst im Allgemeinen und durch die Musik im Speziellen angesprochen wird. Sie kann das Menschliche vergrößern, so dass wir uns nicht mehr hinter anderen Dingen verstecken, und uns daran erinnern, dass wir zusammengehören. Je länger ich diesen Beruf ausübe, desto deutlicher wird mir der Wert dieser Tätigkeit.

Das Musizieren gewinnt im Laufe des Lebens an Wahrhaftigkeit?

Tetzlaff: Es wird mit der Zeit immer einfacher. Am Anfang einer Karriere muss man zeigen, wie gut und belastbar man ist. Wettbewerbe sollen ermitteln, wer für diesen Beruf tauglich ist. All diese Fragen sind aber Gift fürs Musizieren, das doch vor allem den religiösen Moment im Konzertsaal ermöglichen soll. Die wichtigsten Qualitäten eines Interpreten sind die Verletzlichkeit und die Offenheit, in verschiedene Rollen zu schlüpfen. Diese Eigenschaften lassen sich in direktem Vergleich nur schwer bewerten. Von daher freue ich mich, dass ich jetzt 60 werde und all das hinter mir habe.

Christian Tetzlaff bei einem Konzert mit dem Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin und Dirigent Vladimir Jurowski
Christian Tetzlaff bei einem Konzert mit dem Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin und Dirigent Vladimir Jurowski

Sie unterrichten an der Kronberg Academy. Wie bauen junge Solistinnen und Solisten sich heutzutage eine Karriere auf?

Tetzlaff: Heute gibt es zwei Arten, schnell Karriere zu machen: Die eine besteht darin, sehr jung und fantastisch zu sein, und die andere darin, sich über soziale Medien eine große Gefolgschaft aufzubauen. Das macht es für Veranstalter einfacher, einen einzuladen, aber beide Wege führen kaum zu innerem Reichtum.

Also Leistung und Publicity um jeden Preis? War das früher anders?

Tetzlaff: Denken wir an die Zeit um 1900. Damals waren die Leute so glücklich, wenn ein Violinist zum Beispiel das Brahms-Konzert gespielt hat, dass sie technische Unsauberkeiten dabei in Kauf nahmen. Das Musikerlebnis als solches stand im Vordergrund und nicht die Perfektion, die wir heute auf CD-Aufnahmen hören. Für Musiker waren das paradiesische Zustände. Ich höre mit Begeisterung das Klavierspiel von Artur Schnabel, Emil Gilels oder Vladimir Horowitz.

Anzeige

Sie sprechen da einen Kern von künstlerischer Freiheit an. Dabei gelten Sie als ein Interpret, der sehr eng am Notentext arbeitet …

Tetzlaff: Das ist für mich kein Widerspruch. Was über Generationen an Geigenschüler weitergegeben wird, sind meistens die flach geschliffenen Versionen des Repertoires: nicht zu schnell, nicht zu langsam, nicht zu laut, nicht zu leise, sodass das Spiel kompatibel ist und immer gut funktioniert. Wenn man aber in den Notentext schaut, entdeckt man, in welchen Extremen sich Komponisten zum Teil bewegen. Von daher ist es mir eine Lust, die Spieltradition überhaupt nicht zu berücksichtigen – außer, wenn sie aus der Entstehungszeit des Stückes selbst stammt.

Sie spielen seit langem auf einer modernen Geige des Geigenbauers Peter Greiner. Probieren Sie gelegentlich auch historische Instrumente aus?

Tetzlaff: Jeder Blindtest bestätigt: Alte und neue Geigen lassen sich am Klang nicht unterscheiden. Es gibt nur gute und schlechte Geigen. Es gibt schlechte alte und viele schlechte neue Geigen, weil der Selektionsprozess hier noch nicht stattgefunden hat. Wenn mir jemand eine Stradivari gibt, die besser klingt als mein Instrument, nehme ich sie sofort. Wenn ich sie bezahlen muss, nehme ich sie nicht.

Bachs Sonaten und Partiten für Solovioline haben Sie bereits drei Mal aufgenommen, andere Werke wie Beethovens Violinkonzert mehrere hundert Male im Konzert gespielt. Wie erleben Sie diese Selbstbespiegelung durch die gleichen Stücke im zeitlichen Abstand?

Tetzlaff: Ich hoffe, dass ich dadurch auf immer höhere Ebenen gelange. Das Beethoven-Konzert habe ich mit 15 Jahren gelernt, mit einem ähnlichen Blick auf das Werk, wie ich ihn heute habe. Die Interpretation eines solchen Stücks ist kein großes Mysterium. Das Mysterium entsteht erst beim Spielen vor Publikum, wenn sich eine Phrase homöopathisch verändert. Das hat aber weniger mit Selbstbespiegelung, also bewusster Veränderung zu tun als vielmehr damit, dem Stück durch das intensive Spiel näher zu kommen und somit immer direkter und naiver zu werden.

Vor einem Jahr haben Sie aus Protest gegen die Politik von Donald Trump Ihre USA-Tourneen abgesagt. Sind Sie auch politischer geworden?

Tetzlaff: Ich habe alle 22 Konzerte, die bis dahin geplant waren, abgesagt. Es gibt aber auch andere Länder, in denen ich aufgrund der politischen Situation nicht spiele, zum Beispiel China. In Amerika gibt es keine Rechtstaatlichkeit mehr, und viele Bevölkerungsgruppen werden gedisst. Ich möchte nicht bevorzugt behandelt werden, nur weil ich ein weißer deutscher Mann bin und dem Staat durch meine Konzerte Steuern einbringe. Ich wäre aber zum Beispiel bereit gewesen aufzutreten, wenn ich eine Aussage damit hätte verknüpfen und mein Honorar für einen Fonds hätte spenden dürfen, der die aus dem Staatsdienst entlassenen Amerikaner unterstützt. Aber kein Veranstalter hat sich darauf eingelassen, weil man selbst im demokratisch regierten San Francisco die privaten Sponsoren nicht abschrecken möchte. Mir geht es dabei weniger um Politik als darum, mein Herz an das Publikum heranzutragen, und es wäre unaufrichtig, Musik zu spielen, die von Aufmerksamkeit, Gemeinschaft und Mitleid spricht – denken Sie etwa an Schubert –, während die Schwachen und Schwächsten unter den antidemokratischen Beschlüssen ihres Präsidenten leiden.

Springen wir noch einmal zurück nach Deutschland. Sie sind in dieser Saison Artist in Residence beim Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin. In welchen Konstellationen und mit welchen Programmen wird man Sie dort erleben?

Tetzlaff: Im Sinfoniekonzert Ende Januar spielen wir die Fantasie von Josef Suk. Ein phänomenales Violinkonzert, das im Konzertbetrieb kaum vorkommt. Am Schluss geht alles den Bach hinunter wie bei einem Höllenritt, aber davor gibt es Stellen von unglaublicher Schönheit. Ich arbeite wahnsinnig gern mit Vladimir Jurowski. Er hat Tiefe und Ernst, kann aber auch sehr lebendig sein. Im Februar darf ich mit ihm am Klavier auch Kammermusik spielen: Schuberts „Forellenquintett“ und das unglaubliche g-Moll-Quartett von Mozart. Im Mai folgt dann Dvořáks Violinkonzert unter Simone Young. Also viele Lieblingswerke, die alle zwischen 1880 und 1930 entstanden sind, in einer Zeit, die für die Geige besonders wichtig war.

Aktuelles Album:

Album Cover für Adès: Violinkonzert „Concentric Paths“, Elgar: Violinkonzert h-Moll op. 61

Adès: Violinkonzert „Concentric Paths“, Elgar: Violinkonzert h-Moll op. 61

Christian Tetzlaff (Violine), BBC Philharmonic Orchestra, John Storgårds (Leitung). Ondine

Anzeige

Termine

Auch interessant

Rezensionen

Anzeige

Klassik in Ihrer Stadt

Newsletter

Jeden Donnerstag in Ihrem Postfach: frische Klassik!

Anzeige