Was macht eigentlich Elsa Dreisig in ihrer Freizeit? Zu den Lieblingsbeschäftigungen der Sopranistin, die mitunter herzhaft laut lachen kann, gehört es, im Kreis von Freunden Aufnahmen jüngeren und älteren Datums zu lauschen. Man rät, wer das wohl singt oder spielt. Hier treffen wir also auf eine Expertin des Formats.
Gounod: Roméo et Juliette – Ah! Je veux vivre dans ce rêve
Maria Callas, Orchestre National de France, Georges Prêtre (Ltg.). EMI 1961
Kann ich sofort sagen: Das ist Maria Callas in Gounods „Roméo et Juliette“. Sie ist wirklich unglaublich. Ich habe das natürlich tausendmal gehört, weil ich die Arie auch aufgenommen habe. In ein paar Jahren werde ich sicher die ganze Partie in einer Inszenierung singen. Callas wird auch dann wieder eine Inspirationsquelle sein. Ihr Französisch ist wundervoll, man versteht tatsächlich alles, auch die Farben der Wörter. Die Phrasierung, wie sie diese kleinen Noten gestaltet, ist voller Eleganz, mit Stil, auch die Portamenti. Einfach alles! Ich könnte das alles in meine Partitur schreiben, das habe ich schon als Studentin gemacht. Bei dieser Arie und vielen anderen. Zum Beispiel bei „Una voce poco fa“ aus Rossinis „Il barbiere di Siviglia“. Es wirkt bei ihr nie aufgesetzt. Callas ist eine Erzählerin und das finde ich fantastisch. Es ist immer die Musik, immer der Text: Was genau sage ich und wie möchte ich das sagen? Wenn ich so singen könnte, würde ich glücklich sein.
Massenet: Manon – Je marche sur tous les chemins
Renée Fleming, Opéra national de Paris, Jesús López-Cobos (Ltg.). Sony Classical 2003
Die „Manon“ mit Renée Fleming. Habe ich auch schon viele Male gehört. Die einen könnten sagen: Das ist überhaupt nicht im Stil, die anderen: Genau so! Das ist eben Fleming, sie hat eine sehr starke eigene Identität. Sie interpretiert mit Schönheit, mit Eleganz, aber auch mit Stärke und ein bisschen Koketterie, das spürt man. Ihr Französisch ist auch sehr gut und man versteht jedes Wort. Aber es ist unique, eben typisch Fleming, auch wenn sie zum Beispiel auf Deutsch singt. Ich liebe ihr Timbre, man erkennt sie sofort. Ich habe mir schon unzählige Videos auf YouTube mit ihr angeschaut und bin immer begeistert. Live habe ich sie leider nur zweimal erleben können. Einmal als Gräfin in „Capriccio“ von Strauss, in der Inszenierung von Robert Carsen, das andere Mal bei einem Konzert in der Philharmonie de Paris mit Liedern von Schubert.
Puccini: La Bohème – Quando m’en voi‘
Elizabeth Harwood, Berliner Philharmoniker, Herbert von Karajan (Ltg.). Decca 1973
Ich kenne diese Aufnahme von „La Bohème“ und ich liebe sie. Luciano Pavarotti in der Rolle des Rodolfo und Mirella Freni als Mimì. Perfekt. Aber die Rolle der Musetta in dieser Arie, die auch „Musettas Walzer“ genannt wird, geht komplett unter. Die Interpretation dieser Figur in dieser Aufnahme hat mich immer enttäuscht, und sie hat mich deshalb nie wirklich neugierig auf die Sängerin gemacht. Ich mag diese Art der Interpretation überhaupt nicht. Wer singt hier? Elizabeth Harwood? Nun, vielleicht war sie damals bekannt, aber diese Lesart überzeugt mich überhaupt nicht. Es könnte eventuell sein, dass das eine bewusste ästhetische Wahl war, Musetta stärker als oberflächliche, kapriziöse Figur zu zeichnen. Es ist sehr gut möglich, dass dies auch Karajans Sicht auf diese Figur widerspiegelt. Für mich betont diese Lesart jedoch nicht die Komplexität Musettas, sondern reduziert die Figur – und damit zwangsläufig auch ihre gesangliche Darstellung. Viel Effekt, die hohen Töne plötzlich piano gesungen, für mich jedoch ohne wirkliche innere Notwendigkeit.
Mozart: Così fan tutte – Come scoglio immoto resta
Elsa Dreisig, Kammerorchester Basel, Louis Langrée (Ltg.). Erato 2022
(lacht) Okay, das bin ich. „Come scoglio“ der Fiordiligi. Diese Partie habe ich gerade in Mailand gesungen. Die Fiordiligi nimmt einen ganz besonderen Platz in meiner Karriere ein, denn mit dieser Rolle habe ich mein Debüt bei den Salzburger Festspielen gegeben. Das war 2020 zu Beginn der Covid-Pandemie und bedeutete nicht nur organisatorisch eine Herausforderung. Die Rolle der Fiordiligi ist ziemlich anspruchsvoll, sie hat die ganze Zeit Bühnenpräsenz. Ihre Arien sind sauschwer, denn die Tonlage springt oft von ganz oben nach unten. Und die zweite Arie „Per pietà“ scheint ewig lang zu dauern. Da habe ich gemerkt: Elsa, du musst noch viel lernen! Mozart hatte alles in seinem Kopf. Wir Sänger sind nur eines unter vielen Instrumenten in dieser Oper. Wenn alle Sänger top sind, entsteht eine ganz besondere Energie auf der Bühne. Die Aufnahmesession mit dem Kammerorchester Basel hat wirklich Spaß gemacht, die spielen das so gut! Wir haben übrigens den Kammerton der Mozartzeit gewählt: 430 Hertz. Heute sind 440 bis 443 Hertz gebräuchlich. 430 liegt nur einen Viertelton tiefer, aber es macht einen riesigen Unterschied!
Dvořák/Renz: Rusalka – Lied an den Mond
Regula Mühlemann, Chaarts Chamber Artists. Sony Classical 2022
Ich bin glücklich, dass Sie eine Aufnahme von Regula Mühlemann gewählt haben. Sie ist eine tolle Künstlerin, ich mag sie sehr. Auf dem Album „Fairy Tales“ hat sie etwas ganz Besonderes gemacht. Sie singt mit einem kleinen Kammerorchester und umschifft so geschickt die Gefahren, die im Gesamtcharakter der Rolle der Rusalka liegen. Weil die Partie oft als schwer und dramatisch gedacht wird, wird auch das „Lied an den Mond“ häufig entsprechend gesungen. Dabei kann Rusalka mit der richtigen musikalischen Umgebung sehr lyrisch, intim und berührend sein. Genau diese Erfahrung habe ich auch mit Strauss’ „Salome“ gemacht, wo ohne eine wirklich tragende orchestrale Begleitung schnell eine zu dramatische Klangsprache entsteht. Wir haben generell eine Tendenz, Rollen immer stärker zu dramatisieren, obwohl es auch leisere Wege gibt, das Publikum zu erreichen. Genau diesen Weg geht Regula Mühlemann hier sehr überzeugend. Das „Lied an den Mond“ mag ich sehr, es wird auch auf meinem nächsten Album vertreten sein. Regula Mühlemann hat den Spirit getroffen. Man spürt die Ehrlichkeit und die Authentizität; da merke ich wirklich, dass sie etwas erzählt.
R. Strauss: Salome – Ah! Ich habe Deinen Mund geküsst
Montserrat Caballé, London Symphony Orchestra, Erich Leinsdorf (Ltg.). BMG 1968
Als ob Sie’s bei der Auswahl geahnt hätten. Gerade sprachen wir von Strauss! Das ist Montserrat Caballé. Ich habe das lange nicht gehört, erinnere mich aber sofort, wie toll ich die Aufnahme damals fand. Sie hat eine riesige Stimme, kann aber auch loslassen, wenn piano notiert ist und kriegt trotzdem diese halb gesprochene Atmosphäre hin. Unglaublich, wie viel Ruhe sie ausstrahlt. Dabei bleibt sie immer geöffnet. Caballé ist ja eine sehr körperliche Frau, schafft aber immer diese Leichtigkeit. Beneidenswert. Man merkt, wie viel Kapazität die Stimme hat, was für „Salome“ ganz wichtig ist, aber es muss jung und lyrisch klingen. Wenn ich unsicher bin, schlüpfe ich in den Körper der Caballé oder einer anderen Sängerin. Das mache ich sehr oft. Dann bin ich auch mal Leontyne Price oder Lucia Popp. Denn wenn zu viel in meinem Kopf rotiert oder die Spannung in meinem Körper zu groß ist, brauche ich irgendeine Vorstellung, wie ich sein könnte. Der Wechsel in eine andere Person hilft.
Gluck: Orfeo ed Euridice – Che fiero momento
Anna Muffo, I Virtuosi di Roma, Renato Fasano (Ltg.). Sony Classical 1966
Die Euridice von Gluck. Die Stimme kenne ich. Was für eine schöne Stimme! So eine Partie kann man als Sopranistin oder auch als Mezzosopranistin singen. Eine ältere Aufnahme, das hört man an der Art der Interpretation. 1966 aufgenommen? Wer könnte das sein? Ah, Anna Moffo! Sie hat eine eher dunkle Stimmfarbe, deshalb der Hinweis auf Mezzosopran. Man braucht Drama und Körper für die Euridice, deshalb funktioniert das so gut. Ich finde allerdings den Klang des Orchesters, insbesondere der Geigen, nicht so gut. Zu romantisch. Nun ja, die Aufnahme liegt ja schon 60 Jahre zurück. Das Vibrato, die Bogenführung, die Fingertipps waren damals anders. Ich kann das ein bisschen beurteilen, denn mein Mann ist Geiger. Wir reden oft über die technische Seite des Spiels. Dass es etwa jedem Geiger selbst überlassen ist, mit welchem Finger er welche Noten spielt. Wie phrasiere ich und was macht das mit dem Klang? Man merkt schon, dass man damals über solche Sachen wenig nachgedacht hat. Das finde ich schade, denn die Stimme von Anna Moffo ist wirklich perfekt für diese Partie geeignet.
Humperdinck: Hänsel und Gretel – Brüderchen, komm tanz mit mir
Ileana Cotrubas, Gürzenich-Orchester, John Pritchard (Ltg.). Sony Classical 1979
Ileana Cotrubas in „Hänsel und Gretel“. Das ist so gut! Es ist unglaublich, wie sie die Partien ganz junger Frauen oder eben Mädchen singt. Sie ist plötzlich 14 Jahre alt. Keine Repräsentation, sondern Identifikation. Es führt ein direkter Weg vom reinen Herzen zur unschuldigen Stimme. Es gibt kein Cinema, es ist alles authentisch, bis hin zur Aussprache. Das ist ganz Kind, ganz ehrlich und so spontan. Ich sage immer: Les pieds sur terre, mit den Füßen auf dem Boden bleiben. Ileana Cotrubas war dafür immer eine große Inspiration für mich: viel Spielfreude und Lust am Musizieren, aber ohne unnötige Effekthascherei.



