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Blind gehört Benjamin Bernheim

„Er singt wie ein Engel“

Benjamin Bernheim hört und kommentiert Aufnahmen von Kollegen, ohne dass er weiß, wer singt.

vonTeresa Pieschacón Raphael,

Plácido Domingo verglich seine Stimme mit einer Tasse dunkler Schokolade, Luciano Pavarotti mit Butter und Honig. Benjamin Bernheim hingegen betrachtet seine, wie er sagt, „helle und nicht latinohafte Stimme“, als eine „Arbeitskollegin“ und „keinen wunderbaren Teil von mir selbst“. Mal sehen, wie der für seine elegante Stimme und feinfühlige Gestaltung bekannte Tenor die Interpretationen der Kollegen findet.

Mascagni: Cavalleria rusticana – Regina coeli laetare

Chœur & Orchestre de Paris, Semyon Bychkov (Leitung). Philips 1991

Oh, die Musik kenne ich doch aus meiner Kindheit! Aus der Zeit im Kinderchor in Genf. Eine komplizierte Zeit, denn als Kind war es wirklich nicht sehr cool, im Chor zu singen. Es war cooler, Sport zu machen und andere Sachen. 1996 sind wir in Genf mit dieser Musik in einem Weihnachtskonzert aufgetreten. Ich war elf Jahre alt und eigentlich eher schüchtern. Mein erster Auftritt. Eine wirklich sehr schöne Produktion. Wir hatten eine sehr gute und passionierte Chormeisterin. Das ist sehr wichtig für die Motivation. Sie hatte eine Leidenschaft für die perfekte „Weißstimme“, für die Stimme ohne Vibrato. Ich hatte damals eine sehr hohe Sopranstimme und hätte vielleicht sogar Mozarts Arie der Königin der Nacht singen können. Doch es hat lange gedauert, bis ich mich an den Klang meiner Stimme gewöhnte. Ich bin manchmal überrascht, dass ich ein Sänger wurde, und hätte mir zumindest damals nie vorstellen können, dass ich beim Abschiedsfest der Olympischen Spiele 2024 in Paris im Stade de France vor einem internationalen Millionenpublikum inmitten eines olympischen Rings auftreten würde!

Donizetti: L’elisir d’amore – Una furtiva lagrima

Enrico Caruso, ORF Radio-Symphonieorchester Wien, Gottfried Rabl (Leitung). Sony Classical 2021

Das ist sehr langsam und eine sehr alte Aufnahme. Aus den Siebzigern? Noch früher? War das Caruso? Die Aufnahme des Gesangs wurde restauriert und mit modernem Orchester neu produziert? Interessant, wie wir eine Interpretation, die bestimmt 120 Jahre zurückliegt, wieder lebendig machen können. Caruso war ein Pionier auf unserem Feld, der erste Opernsänger, der aufgenommen wurde. Das ist sehr wichtig für die Geschichte der Opernwelt. Er konnte alles singen, hatte eine ganz klare Stimme und einen ganz fantastischen Umgang mit der Atmung. Diese elegante Linie! Ob man an seiner Stimme seine Persönlichkeit erkennt? Das ist eine gute Frage. Möglich. Wir bauen uns allerdings eine innere und eine äußere Welt auf als Sänger. Als Schutz. Es gibt schon ein Unterschied zwischen unserer Persona und unserer Sänger-Persona. Ich kenne zum Beispiel den Tennisspieler Rafael Nadal. Auf dem Spielplatz ist er wirklich der aggressivste Spieler der Welt. Er spielt wie ein Toro, wie ein Bulle. Im Leben aber ist er ein sehr freundlicher und zurückhaltender Mensch.

Verdi: Rigoletto – La donna è mobile

Carlo Bergonzi, Orchestra del Teatro alla Scala, Rafael Kubelik (Leitung). Deutsche Grammophon 1964

Es klingt wie Carlo Bergonzi. Woran man Bergonzi erkennt? Er hatte wirklich so eine schöne, spezielle Stimme. Er sang alles in einer Linie. Ich habe Bergonzi persönlich in seiner Accademia Verdiana in Busseto kennengelernt und zwei Wochen mit ihm gearbeitet. Bergonzi hat einmal zu mir gesagt: „Wenn du so singst, bringt das ein Lächeln in die Stimme.“ Er war damals über achtzig, und ich Anfang zwanzig. Er konnte alles singen. Es klang nicht immer schön, aber irgendwie war es absolut wahrhaftig. Von sich selbst hat er immer gesagt: „Meine Stimme ist nicht schön, aber ich habe die Technik.“ Und: Der Atem sei sehr, sehr wichtig. Und die Linie, die Linie, die Linie.

Album Cover für Massenet: Werther – Oui, ce qu’elle m’ordonne

Massenet: Werther – Oui, ce qu’elle m’ordonne

Rolando Villazón, Royal Opera House, Antonio Pappano (Leitung). Deutsche Grammophon 2012

Das kann nur Rolando sein. Ich kenne die Aufnahme sehr gut, weil ich gerade den Werther im Repertoire habe. „Faust“ wurde von Charles Gounod und „Werther“ von Massenet in französischer Sprache vertont. Ich habe mich immer gefragt, warum kein deutscher Komponist diese großen Stoffe der deutschen Literatur von Goethe vertont hat? Für mich ist als Sänger die französische Sprache wie Silber und die italienische wie Gold. Französisch ist komplizierter, distanzierter, weniger warm, aristokratischer, wenn man so will, im Gegensatz zu Italienisch, das mir direkter, wahrer in der Aussage vorkommt und somit für mich als Sänger einfacher zu handhaben ist. Im Sommer singe ich übrigens den Werther konzertant bei den Festspielen in Salzburg. Ich habe ihn im April 2025 auch mit dem historisch informierten Orchester Les Siècles unter Marc Leroy-Calatayud interpretiert. Das war ein schönes Gefühl, mit diesen Instrumenten zu arbeiten, mit diesem besonderen Streicher-Klang und Ton.

Mozart: Die Entführung aus dem Serail – Hier soll ich dich denn sehen

Stanford Olsen, English Baroque Soloists, John Eliot Gardiner (Leitung). Deutsche Grammophon 1992

Bei der historischen Aufführungspraxis hat man das Gefühl, man könnte einen Dialog haben mit dem Orchester. Bei den großen normalen Orchestern müssen wir Sänger oft kämpfen, weil die Masse des Orchesters uns erdrückt. Auch die Kollegen sind ein bisschen anders. Man fühlt sich eher in der Gruppe aufgehoben. Stanford Olsen? Den kenne ich allerdings nicht. Gardiner aber selbstverständlich.

Mozart: Die Entführung aus dem Serail – Hier soll ich dich denn sehen

Gösta Winbergh, Georg Solti (Leitung). Decca 1985

Das ist keine historisch informierte Interpretation. Ist das nicht Francisco Araiza? Er war auch mein Professor im Opernstudio Zürich. Oder doch der Deutsche, der so früh gestorben ist? Ah, jetzt habe ich es … Entschuldigung … Fritz Wunderlich? Ich habe ihn mal in Schuberts „Fierrabras“ gehört. Gösta Winbergh? Auf den wäre ich nicht gekommen. Ich selbst habe allerdings nur ganz wenig Mozart gesungen.

Wagner: Lohengrin – In fernem Land

Klaus Florian Vogt, Orchester der Deutschen Oper Berlin, Peter Schneider (Leitung). Sony Classical 2012

Oh! Wagner … Ich habe Wagner gesungen, den Erik aus dem Holländer in Dresden. Es war wirklich toll. Nachdem ich Wagner gesungen hatte, abonnierte mich die Opernindustrie eine Weile auf das Wagner-Fach. Dieser Sänger ist sehr berühmt, nicht wahr? Ein Deutscher? Ist das der, der auch gerne mit seinem eigenen Propellerflugzeug zu den Auftritten fliegt? Klaus Florian Vogt! Na klar. Was er so besonders macht? Er singt wie … Also, er hat diese tenorale Stimme, diese Farbe! Er singt wie ein Engel. Ein ganz klarer Klang. Ich denke, dass die Menschen bei Wagner so einen reinen Klang besonders lieben. Weil man den ganzen Text versteht.

Schubert: Erlkönig D 328

Christoph Prégardien, Michael Gees (Klavier). EMI 1996

Goethe! Dieses schöne Lied. Ich habe viele Strauss-Lieder gesungen sowie Brahms und Schumanns „Dichterliebe“. Auch, wenn es mit dem Deutsch etwas kompliziert für mich ist. Ich habe immer Angst, etwas falsch auszusprechen. Was sehr wichtig ist: Legato, Legato und noch mal Legato. Das bringt die Eleganz, den Fluss, die Magie. Der Sänger auf dieser Aufnahme macht es fantastisch. Ist das Wunderlich? Nein? Christoph Prégardien. Fantastisch. In Frankreich gibt es einen Kult um das deutsche Lied. Das nimmt man wesentlich ernster als bei uns mittlerweile. In Deutschland kann ja so ein Liederabend eine Mischung von allem Möglichen sein. In Frankreich aber nicht. Da gibt es eine regelrechte, fast schon snobistische Verehrung für die Maîtres des Liedes wie Fritz Wunderlich, Thomas Hampson oder Dietrich Fischer-Dieskau. Sie haben ja alle bei der Deutschen Grammophon aufgenommen und die ist in Frankreich eine Art heiliges Label. Es gibt so viele Leute in den kleineren Städten wie Bordeaux, Nice, Clermont-Ferrand, die Aufnahmen von diesen Sängern besitzen. Liederabende sind sehr, sehr wichtig.

Bernstein: West Side Story – Maria

José Carreras, Leonard Bernstein (Leitung). DG 1984

Das ist José Carreras! Und Bernstein natürlich. Ich habe das Lied und das Duett auch immer wieder gesungen. Bernsteins Musik ist leider nicht sehr tenorfreundlich. Oft liegt die Stimme zu tief. Das ist nicht einfach. Während der Produktion soll es Probleme zwischen dem Dirigenten Bernstein und Carreras gegeben haben? Wegen der synkopierten Rhythmen und weil sie nicht zusammen sondern gegeneinander musizierten? Das glaube ich gerne. Kein einfaches Werk.

Album Cover für Lehár: Land des Lächelns – Du bist die Welt für mich

Lehár: Land des Lächelns – Du bist die Welt für mich

Jonas Kaufmann, Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin, Jochen Rieder (Leitung). Sony Classical 2014

Das ist Operette mit Jonas. Er macht das ganz charmant. Ich habe viele Operetten gesungen, schon damals mit dem Chor. Meine Eltern, die Opernsänger waren, haben viel Operette gesungen. Bereits als Kind kannte ich die Dialoge aus der „Lustigen Witwe“, Offenbachs „La Vie Parisienne“, „La Belle Hélène“ und viele andere mehr. Später in Salzburg war ich der Hoffmann in Jacques Offenbachs gleichnamiger „phantastischer Oper“. Ich liebe es. Es ist wirklich eine tolle Welt und ich habe viel Respekt für das Fach, weil es kein einfaches Fach ist. Komödie ist oft schwieriger als Tragödie.

Album Cover für Dowland: Flow My Tears

Dowland: Flow My Tears

Sting, Edin Karamazov (Laute). Deutsche Grammophon 2006

Ist das Bono? Nicht? Wer dann? Ach, das ist Sting mit Lauten-Liedern von John Dowland. Ob der Genrewechsel zum Beispiel vom Pop und Jazz zum Klassiksänger funktioniert? In meinem Album „Douce France“ hat es funktioniert. Da habe ich Mélodies und Chansons von Berlioz, Chausson, Duparc, Kosma, Trenet und Brel kombiniert. Ich denke, es funktioniert mit einer Stimme, die nicht opernhaft und vibrierend ist. Andernfalls würde das ein bisschen komisch klingen. Ich jedenfalls liebe es, etwas zu hören, was mich überrascht.

Aktuelles Album:

Album Cover für Douce France – Mélodies et Chansons

Douce France – Mélodies et Chansons

Werke von Berlioz, Chausson, Duparc, Kosma, Trenet & Brel

Benjamin Bernheim (Tenor), Carrie-Ann Matheson (Klavier). Deutsche Grammophon

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