Das Musikdorf Ernen wirkt auf den ersten Blick wie ein beschauliches Schweizer Bergdorf. Doch schnell entpuppt es sich als musikalisches Erlebnis von überraschender Intensität. Seit Kurzem verantwortet Jonathan Inniger als Intendant das Programm. Und wer ihm zuhört, merkt schnell: Hier geht es um mehr als nur Konzerte.

Ein Festival, das man nicht zufällig besucht
„Ernen ist kein Ort, durch den man einfach durchläuft“, sagt Inniger. „Man entscheidet sich bewusst, hierherzukommen.“ Und genau das prägt die Atmosphäre. Wer anreist, bleibt meist länger. Für ein Wochenende, manchmal für Wochen. Viele Besucher kehren jedes Jahr zurück, einige haben sich sogar eine Ferienwohnung zugelegt und bleiben praktisch den ganzen Sommer.
Das Publikum ist kein anonymes Großstadtpublikum. Man sieht sich immer wieder: vor der Kirche, beim Abendessen oder auf dem Weg zum nächsten Konzert. Die Wege sind kurz, die Begegnungen direkt. Die Musiker laufen nicht anonym aus dem Backstage zum Hotel, sondern sie stehen neben einem beim Bäcker oder sitzen am Nebentisch im Restaurant.
„Diese Intimität ist unser größter Schatz“, sagt Inniger. „Hier entsteht eine Verbindung, die man bei großen Festivals so nicht findet.“ Auch nach den Konzerten ist niemand einfach verschwunden. Die Festivalleitung steht am Ausgang, spricht mit den Gästen, sammelt Eindrücke. Feedback ist hier kein Fragebogen, sondern ein Gespräch.

Freiheiten für Künstler und Überraschungen fürs Publikum
Gerade weil Ernen so klein ist, entsteht etwas Besonderes: Programme, die es genau so nur hier gibt. Keine standardisierten Tourneeprogramme, sondern Konzerte, die vor Ort entstehen. Musiker bleiben mehrere Tage oder Wochen, proben gemeinsam, entwickeln neue Ideen.
Das Ergebnis: ein Festival, das Bekanntes mit Entdeckungen verbindet. Mozart neben Raritäten, Uraufführungen neben Klassikern. Viele Programme entstehen in enger Zusammenarbeit mit den eingeladenen Künstlern. Jonathan Inniger gibt Themen und Impulse vor – etwa mit dem diesjährigen Motto „Im Flow“ – und schafft damit viel Gestaltungsspielraum.
So kehrt das Trio Gaspard für „Kammermusik kompakt“ (3.–5. Juli) zurück und bestreitet einen intensiven Marathon: sechs Konzerte an drei Tagen, vom klassischen Haydn, Beethoven, Schubert und Dvořák bis zu französischen, modernen und zeitgenössischen Werken, inklusive einer Uraufführung.

Jazz – oder doch lieber Barock?
In der Klavierwoche (11.–17. Juli) treffen renommierte Künstlerinnen wie Maki Namekawa und Schaghajegh Nosrati auf vielversprechende junge Pianistinnen und Pianisten aus aller Welt. Ein Höhepunkt verspricht Maki Namekawas Interpretation des legendären „The Köln Concert“ von Keith Jarrett zu werden. Trotz eines mangelhaften Flügels und schwieriger Umstände spielte Jarrett das Konzert, dessen Mitschnitt zum meistverkauften Jazz-Soloalbum wurde. Namekawa bringt diese Improvisation im Musikdorf Ernen detailgetreu auf die Bühne und lässt sie mit virtuosem Spiel neu aufleben. Jazzfreunde erleben zudem Charl du Plessis mit dem südafrikanischen Tenor Levy Sekgapane, seinem Trio sowie mit Klarinettist Matthew Hunt (25.–26.7. & 5.8.).
Aernen Barock präsentiert Ende Juli barocke Meisterwerke und zu Unrecht vergessene Komponisten von Pieter Hellendaal bis Christoph Schaffrath, gemeinsam mit der Mezzosopranistin Beth Taylor und dem Bass Nahuel Di Pierro.

Frische Hörerlebnisse
Die Lesereihe „Queerlesen“ (25.–26. Juli) setzt literarische Akzente im Festivalprogramm. Mit Moritz Weber, Angela Steidele und Kristof Magnusson werden queere Stimmen und Perspektiven hörbar, moderiert von Bettina Böttinger.
Das Kammermusikfest ist ein vielfältiger Konzertzyklus mit Festivalcharakter (2.-14.8.). Seit 2019 prägt der Pianist Alasdair Beatson die Reihe mit kreativen Programmen, starken Ensembles und wechselnden Themen. Sein Erfolgsrezept: eine stimmige Mischung aus hochkarätigen Musikern, durchdachter Dramaturgie und innovativen Konzepten. Alte und neue Werke, bekannte Stücke in ungewohnten Arrangements sowie ungewöhnliche Besetzungen sorgen für frische Hörerlebnisse. Auch Experimente haben Platz, wie etwa John Cages „4’33’’“ – mit neuer Besetzung für Kontrabass!

In Ernen wird Musik gelebt
Wer einmal hier war, kommt meist wieder. Das gilt auch für große Namen. Der Pianist Sir András Schiff etwa wird künftig regelmäßig in Ernen unterrichten und sogar ein eigenes Musikzentrum aufbauen. Ein Glücksfall für das Festival und gleichzeitig ein Zeichen für die besondere Anziehungskraft des Ortes.
Sir András Schiff selbst wird in sechs Rezitalen (27.–30.8.) einen neuen Blick auf Bachs „Clavierübung“ werfen. In Ernen spielt er die Partiten in zwei Konzerten. Ergänzt wird das Programm durch Werke von Beethoven, Haydn und vierhändiger Klaviermusik von Schubert gemeinsam mit Chloe Jiyeong Mun.
Und wer denkt, das Musikdorf sei von Herbst bis Ende Juni inaktiv, irrt. Seit einigen Jahren finden im Rahmen von „Composer in Residence“ auch außerhalb der Festivalzeit Konzerte statt – im Durchgang 2025/26 mit Claire-Mélanie Sinnhuber, die sich durch innovative Klangsprache auszeichnet und die in ihrer Musik Elemente der Minimal Music und des französischen klangsinnlichen Spektralismus immer wieder in Beziehung zu Ideen aus der älteren Musikgeschichte setzt, ab Herbst 2026 mit dem Australier Brett Dean, der als Bratschist verwurzelt in der Tradition doch nach immer neuen Ausdrucksmöglichkeiten sucht.

Kein Ort für schnellen Konsum
Bei „Ensembles in Residence“ nutzen junge Kammermusikgruppen Ernen ganzjährig als Arbeits- und Inspirationsort, profitieren von idealen Bedingungen und können sich mit Unterstützung einer Mentorin oder eines Mentors weiterentwickeln. Damit stärkt das Musikdorf gezielt seine Nachwuchsförderung ganz im Sinne seines Gründers György Sebők. 2026 sind unter anderem das Wendel Quartet zu Gast sowie im September das Trio Clara und das Helix Trio im Rahmen von „Newcomers“.
Das Musikdorf Ernen ist kein Ort für schnellen Konsum. Es gibt keine großen Hotels, keine Event-Infrastruktur im üblichen Sinn. Stattdessen: Ruhe, Berge, intensive Konzerterlebnisse und das Gefühl, Teil von etwas zu sein. An einem Ort, an dem Musik nicht nur aufgeführt, sondern gelebt wird.

Das Musikdorf Ernen vereint große Namen und junge Talente der Klassikszene in intimer Atmosphäre. Zwischen historischen Holzhäusern und alpiner Kulisse entstehen leidenschaftliche und überraschende Konzerterlebnisse von seltener Nähe. In diesem Jahr lautet das Motto „Im Flow“.