Sei es eine Melodie, die uns nicht mehr aus dem Kopf geht, ein über Generationen hinweg weitergegebenes Wiegenlied oder der Besuch einer zeitgenössischen Performance: Kaum eine musikalische Gattung ist ein so natürlicher Teil unseres Alltags wie das Lied. Zugleich zählt das Kunstlied ob seiner großen Verdichtung zu den anspruchsvollsten Formen der Klassik. Das Schweizer Festival LIEDBasel fokussiert sich bereits zum siebten Mal auf das Lied in seiner historischen und aktuellen Vielgestaltigkeit. Unter dem Motto „Alles nur geklaut“ ergründet es vom 27.5.-31.5. die Fragen, wie musikalische Ideen entstehen, weitergegeben und transformiert werden und wo die Trennlinie zwischen Inspiration und Plagiat verläuft.

Kunstlied als lebendige Gesprächsform
Dass sich LIEDBasel dabei auch als Labor für das Lied in der Gegenwart versteht, wird schon vor dem offiziellen Eröffnungskonzert deutlich. Beim Pre-Opening in der Bar „KLARA“ präsentiert die Komponistin, Performerin und Gewinnerin des Publikumspreises der Art Song Challenge 2025, Gerda Iguchi, Richard Wagners „Wesendonck-Lieder“ in einer radikalen Neufassung zwischen Liedtradition und moderner Clubkultur mit elektronischen Klängen, Live-Coding und Visuals.
Der Frage, wem das Kunstlied eigentlich gehört, gehen wiederum Sopranistin Annette Dasch und Pianist Wolfram Rieger – 2026 Duo in Residence –, Intendantin Silke Gäng und Teilnehmende der Liedakademie LIEDAcademy im Liedsalon „Freundliche Übernahme“ zur Festivaleröffnung nach. Spontaneität ist an diesem Abend in lockerer Atmosphäre ausdrücklich erwünscht und das Publikum explizit zum offenen Gedankenaustausch mit den Künstlerinnen und Künstlern eingeladen.

Die Perspektive der Frau
Ein Schwerpunkt der diesjährigen Edition liegt auf der weiblichen Perspektive im Liedrepertoire. „It’s raining women“ überschreiben Annette Dasch und Wolfram Rieger ihren Liederabend, der zunächst einen historischen Blick auf männliche Idealvorstellungen weiblicher Existenz wirft, schließlich aber den Frauen selbst die Bühne in Wort und Ton überlässt. Den Auftakt macht Robert Schumanns „Frauenliebe und -leben“. Der Zyklus erzählt aus Sicht eines Mannes und ganz der romantischen Moral von der treusorgenden Gattin verpflichtet die Lebensgeschichte einer Frau von ihrer Geburt bis zum Tod des Ehemanns.
Eine deutlich selbstbewusstere Perspektive eröffnen Viktor Ullmanns Vertonungen von Gedichten der französischen Renaissance-Autorin Louise Labé. Mit Werken von u. a. Dora Pejačević, Lili Boulanger und Kaija Saariaho artikulieren sich genuin feminine Stimmen. Musikwissenschaftlerin Beatrix Borchard holt in einer Performing Lecture indes das Leben und Werk der Komponistin Fanny Hensel aus dem Schatten ihres Bruders Felix Mendelssohn.

Inspiration oder Plagiat?
Wie fließend die Grenze zwischen gedanklicher Inspiration und musikalischer Aneignung sein kann, wird in der „Soirée volée“ mit Sopranistin Carolyn Sampson und dem Klaviertrio um Dmitry Smirnov, Alexandre Foster und Tobias Schabenberger hörbar. Der Abend nimmt dabei lose Anleihen an ein von Brahms 1865 im Basler Stadtcasino geleitetes Konzert. Auf dem Programm stehen Beethovens Bearbeitungen irischer Volkslieder, Lyrisches von Schubert, Hensel und Britten sowie rein instrumentale Kammermusik, darunter Strawinskys „Suite italienne“, deren Themen aus dem italienischen Barock übernommen wurden.
Für den intellektuellen Überbau sorgen zudem Schriftsteller Alain Claude Sulzer, Musikkritikerin Eleonore Büning und Literaturwissenschaftler Philipp Theison, wenn sie in der Gesprächsrunde „Kommt mir bekannt vor“ diskutieren, ob Kunst ohne Aneignung überhaupt denkbar und ob jedes neue Werk letztlich nicht eine Weiterführung bestehender Ideen ist.

Sprache und Klang entwickeln sich
Nirgendwo sonst ist die Verquickung zwischen Sprache und Musik so intensiv und sinnstiftend wie im Lied. Spannende Einblicke in die Entwicklung und Vermischung von Sprache in Liedern zeigt Journalist Jens Balzer in seinem Liedlabor „Muttersprache gibt es nicht“ auf, unter die Lupe genommen werden Werke von Kurt Weill bis zu solchen des Rappers Haftbefehl. Auf der Konzertbühne findet das Thema Widerhall in der Uraufführung eines neuen Liederzyklus des Schweizer Komponisten David Philip Hefti: „Rottot“, eine Auftragskomposition von LIEDBasel, basiert auf dem Lyrikband „Halbgedichte einer Gastfrau“ von Dragica Rajčić Holzner, deren eigenwillige deutsche Schriftsprache sich durch den bewussten Einsatz von Brüchen und Verschiebungen sowie künstlerischer Freiheit hinsichtlich der Grammatik auszeichnet.
Heftis Klangtranskription versteht sich dabei weniger als Vertonung im klassisch-illustrativen Sinn, sondern vielmehr als eine musikalische Antwort auf die emotionale Atmosphäre und die Dialektik der Textvorlage. In Basel heben Bariton Jonathan McGovern und Pianistin Judith Polgar das Werk aus der Taufe. „Wunderhorn“-Vertonungen von Mahler, Zemlinsky und Schönberg erweitern den Dialog über Sprache, Klang und kulturelle Aneignung.

Sensibler Umgang
„Das Lied gehört zu den egalitärsten kulturellen Ausdrucksformen überhaupt. Gleichzeitig verlangt das klassische Kunstlied eine extreme interpretatorische Präzision und Sensibilität im Umgang mit Text, Klang und Ausdruck“, sagt Intendantin Silke Gäng. Fester Bestandteil von LIEDBasel ist daher auch die LIEDAcademy, in der pro Saison fünf junge, durch Stipendien geförderte Lied-Duos im Rahmen eines öffentlichen Meisterkurses und in individuellen Coachings mit den erfahrenen Residenzkünstlern in einen kritischen Austausch treten können. Die Ergebnisse der gemeinsamen Arbeit sind im von den Teilnehmenden kuratierten Abschlusskonzert nachzuhören – getreu dem Motto „Alles nur geklaut“ trifft auch hier außergewöhnliches auf bekanntes Repertoire.
