Tradierte Männlichkeitsmythen und die Diskussion um Rollenbilder erfahren in der Gesellschaft gegenwärtig eine Renaissance. Die Händel-Festspiele Halle greifen beide Themen kritisch auf und spüren ihnen in den musikalischen Welten ihres barocken Namensgebers nach. Denn in Händels Opern sind Geschlecht, Macht, Pflicht und Liebe eng verzahnt, die Männerfiguren oftmals innerlich zerrissene Charaktere, die an sich selbst und ihren Rollenbildern scheitern. „Mannsbilder: Helden, Herrscher, Herzensbrecher“ lautet demnach das Motto der diesjährigen Ausgabe, die vom 5. bis 14. Juni an insgesamt 27 Spielstätten in und um Halle stattfindet und mit mehr als 80 Veranstaltungen aufwartet.

Händel-Festspiele Halle erstmals unter der Intendanz von Florian Amort
Auf dem Programm stehen unter anderem zehn Opern, darunter eine Neuinszenierung von Walter Sutcliffe (Intendant der Oper Halle) von Händels Londoner Debüt „Rinaldo“, die großen Oratorien „L’Allegro, il Penseroso ed il Moderato“, „Judas Maccabaeus“ und „Messiah“ sowie hochkarätig besetzte Konzerte. Ein besonderer Höhepunkt kündigt sich zudem im Goethe-Theater Bad Lauchstädt an: Die lautten compagney Berlin bringt „Rinaldo“, „Giustino“ und „Ariodante“ zusammen mit dem renommierten Puppentheater Carlo Colla e Figli aus Mailand auf die Bühne.
2026 ist zugleich die erste Ausgabe unter der künstlerischen Verantwortung von Florian Amort. Als neuer Intendant erweitert der 33-Jährige das Traditionsfestival um drei neue Formate: „Händel NOW“ bringt genreübergreifende Projekte wie Wandelkonzerte im Botanischen Garten in Halles Stadtraum, „Händel NEXT“ setzt mit der Playmobil-Oper „Rodelindas Sohn“, Workshops und einem Familienfest im Händel-Haus frische Akzente für Publikum jedes Alters und „Händel LAB“ versteht sich als künstlerisches Experimentierfeld und Brückenbauer zwischen Musikvermittlung und Wissenschaft.

Männliche Rollenbilder und reine Frauengesellschaften
Zu den Markenzeichen der Händel-Festspiele Halle zählt das feine Gespür für Preziosen des Repertoires. So stellte bereits Mitte des 18. Jahrhunderts Maria Antonia Walpurgis von Bayern in ihrer Oper „Talestri, regina delle Amazzoni“ die Frage, ob es sich in einer reinen Frauengesellschaft anders lebte. Und was würde passieren, wenn sich die Königin verbotenerweise in einen männlichen Prinzen verliebt, der nach den vorherrschenden Konventionen dem Tod geweiht ist? Nachzuhören mit dem Händelfestspielorchester Halle unter der Leitung von Attilio Cremonesi und Sopranistin Katharina Ruckgaber als titelgebende Amazonenkönigin Talestri (6.6.).
Extreme männliche Rollenbilder verhandelte Händel in seinem 1720 uraufgeführten „Radamisto“. Darin trifft der unerschrockene Prinz von Thrakien auf den machtgierigen und skrupellosen armenischen König Tiridate. Im Spannungsfeld politischer Intrigen und privater Krisen und konfrontiert mit Treue, Verrat und Verzweiflung versucht Radamisto alles, um seine Liebe und das Leben seiner Frau Zenobia zu retten. In Halle interpretiert Star-Countertenor Max Emanuel Cenčić die hochvirtuose Titelpartie gemeinsam mit dem Wrocław Baroque Orchestra. Dennis Orellana, Zachary Wilson und Tomáš Král ergänzen die erstklassige Besetzung (11.6.).

Von Königinnen und Zauberinnen
Seit fast einem halben Jahrhundert widmet sich wiederum René Jacobs Händels Opern und Oratorien. Mit seinen historisch informierten Interpretationen, geprägt von stilistischer Stringenz, psychologischer Tiefe, künstlerischer Fantasie und musikalischer Eloquenz, hat sich der Sänger und Dirigent zu einem wichtigen Fürsprecher des Hallensers entwickelt. 2026 erhält die Koryphäe der Alten-Musik-Szene dafür den Händel-Preis. In einem Galakonzert (12.6.) bedankt sich Jacobs an der Spitze des Kammerorchesters Basels mit Händels früher Serenata „Aci, Galatea e Polifemo“, einer klangschönen Liebestragödie zwischen einem Riesen, einer Nymphe und einem Hirtenjungen, der nach seiner Ermordung kurzerhand in einen Fluss verwandelt wird.
Ein Herrscher im Moment des Scheiterns, gedemütigt, zornig und verzweifelt – Händels Darstellung des besiegten Sultans Bajazet in „Tamerlano“ kam beim Publikum seiner Zeit nicht an. Der britische Tenor Sam Boden leiht der gebrochenen Figur nun seine Stimme und zeichnet gemeinsam mit La Stagione Frankfurt ein intensives und erschütterndes Männerporträt (8.6.). Wie vielfältig hingegen die weiblichen Figuren in Händels Opern gezeichnet sind, zeigen Sopranistin Sophie Sauter, Moderatorin Katharina Eickhoff und das Gottesauer Ensemble in ihrem Konzert „Heldinnen“ (9.6.). Im Fokus stehen dabei die ägyptische Königin Cleopatra aus „Giulio Cesare“, Königstochter Ginevra aus „Ariodante“ und die Zauberin „Alcina“. Einen Blick auf die Italienreise des jungen Händel werfen wiederum das legendäre Concerto Italiano und sein Gründer Rinaldo Alessandrini. In kleiner Besetzung stellen sie Musik von Händel, Arcangelo Corelli und Alessandro Scarlatti gegenüber (12.6.).

Feierstimmung in der Galgenbergschlucht
Zwei fulminante Fixpunkte beschließen die diesjährige Festivalausgabe. Am Samstagabend (13.6.) sind die Besucher zum traditionellen Open Air-Konzert mit der Staatskapelle Halle in die Galgenbergschlucht eingeladen. Vor der traumhaften Kulisse wird ein nicht nur musikalisches Feuerwerk mit Hits aus Barock und Gegenwart, Klassik, Pop und Rock gezündet. Händels wohl populärstes Oratorium erklingt einen Tag später (14.6.) in der Taufkirche des Komponisten mit den vereinten Kräften von Balthasar NOVA, dem Balthasar-Neumann-Chor und den Balthasar-Neumann-Solisten unter der Leitung von Lionel Sow.

