Er flüchtete. Aus der engen Gediegenheit der Geburtsstadt Gütersloh. Aus der ideologischen Grenzziehung des deutschen Diskurses der musikalischen Avantgarde von Donaueschingen. Aus der muffigen Nachkriegsatmosphäre des Landes der Täter, das sich nach der Stunde Null im Wirtschaftswunder neu zu erfinden suchte. Italien wurde seine Wahlheimat: das Sehnsuchtsland aller Deutschen, in dem zwar nicht alles besser war, aber die mediterrane Sinnlichkeit und Freiheit den Faschismus löchrig machten und ihm den Humus für die Entfaltung seiner Kunst boten. Seine gleichaltrige Seelenverwandte und Geistesgenossin Ingeborg Bachmann tat es ihm gleich, folgte 1953 seiner Einladung in den Süden. Fast wären sie – die Literatin und der Komponist von Weltrang – gar ein ganz großes Liebespaar geworden, hätte dem nicht seine Neigung zum gleichen Geschlecht entgegengestanden. Heute nun wäre Hans Werner Henze 100 Jahre alt geworden.
Stets ein Suchender
So sehr eine Oper wie „Der Prinz von Homburg“ durchaus ein Werk der Neuen Musik ist und bleibt, so sehr resoniert in Henzes Schaffen doch das Licht, die Landschaft und die Sprache Italiens. Seine Partituren verströmen südliche Helligkeit – selbst dort, wo sie von den Abgründen der Geschichte, von Gewalt oder Verlust erzählen. „Die Bassariden“ verschreiben sich dem Mythos mit irisierendem Melos. In seiner späten traumschönen Märchenoper „L’Upupa“ (die mit Mozarts „Die Zauberflöte“ vergleichen wurde) setzt er im Finale die Romantik der Blauen Stunde in berührende Töne. Da schreibt er so dezidiert antiavantgardistisch wie ein altersweiser Richard Strauss – und man spürt sofort, warum Henze in den durch Adorno befeuerten Auseinandersetzungen um den Fortschritt in der Musik gleichsam auf der falschen Seite stand, weil er sich kompromisslos der Schönheit verschrieb, als wolle er mit der Diva Tosca singen: „Vissi d’arte, vissi d’amore“.

Widersprüche versöhnen
Hans Werner Henze lebte und harmonisierte die Widersprüche seiner Zeit: Sinnlichkeit und intellektuelle Schärfe verband er ganz locker, als wären sie zwei Seiten einer musikalischen Medaille. Er erfand Musik, die sich ihrer Geschichte (die Gattung Oper erfand eben einst ein Italiener namens Claudio Monteverdi!) erinnerte, ohne nostalgisch zu werden, die mit Zitaten spielte, ohne sich im Historismus zu verlieren, und die Emotion nicht als Makel, sondern als Erkenntnisform verstand. In seinen Werken wollte er politisch Stellung beziehen und schrieb ihnen gleichwohl eine poetische Mehrdeutigkeit ein. So stellen seine Opern antike Stoffe ebenso selbstverständlich auf die Bühne wie zeitgenössische, ja politische Konflikte. Er verband literarische Raffinesse mit einer orchestralen Farbigkeit, die ihresgleichen sucht. Seine Partituren schillern, leuchten, verführen und verstören zugleich. Sie verlangen den Ausführenden höchste Präzision ab und schenken dem Publikum jene seltene Erfahrung, dass Komplexität nicht Kälte bedeuten muss.
Auch jenseits der Oper hat Henze ein Werk hinterlassen, das in seiner Vielfalt schillert: Sinfonien, Konzerte, Kammermusik, Ballette und Vokalwerke bilden einen Kosmos der anregenden Verweise und Zitate. Seine Kunst lebt von ihrer Ambivalenz. Henze weigert sich, klare Entscheidungen zu fällen – zwischen Kopf und Herz, zwischen Tradition und Aufbruch, zwischen Schönheit und Wahrheit. Er blieb gelehrt und sinnlich, politisch und poetisch zugleich. Und das ist sehr gut so.
