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Feature: Sieben einzigartige europäische Opernhäuser

Klingende Superlative

Von „Weck und Woi“ bis zum unterirdischen Wasserbassin: Diese sieben europäischen Opernhäuser überraschen mit Rekorden, Kuriositäten und bemerkenswerten Traditionen – und sind stets einen Besuch wert.

vonPatrick Erb,

Ob prachtvolle Barockfassade oder schlichter Betonbau der Moderne, ob im Herzen einer mittelalterlich geprägten Altstadt oder in zeitgenössischem Schick am Wasser: Vor allem in Europa gehören Theaterbauten und Opernhäuser zum Stadtbild und Selbstverständnis einer Metropole. Die Prunkbauten früherer Jahrhunderte überboten einander geradezu an Größe und Schönheit – oder pflegten bewusst stilvolles Understatement. Stets aber dienten sie auch der Repräsentation. Im Theaterbau der Nachkriegszeit rückten dagegen der Mensch, seine Bedürfnisse und sein Verhältnis zur Architektur stärker in den Mittelpunkt. Was alle Häuser eint, sind historische Begebenheiten, Kuriositäten und Eigenheiten, die jedes von ihnen unverwechselbar machen – und bisweilen mehr über die Mentalität einer Region verraten als eine psychologische Studie. Eine Auswahl.

Das Kombiticket des Staatstheaters Mainz

Begeisternde Gastfreundschaft: das Staatstheater Mainz
Begeisternde Gastfreundschaft: das Staatstheater Mainz

Mit einer buchstäblich gastfreundlichen Besonderheit empfängt das Staatstheater Mainz sein Publikum: Im Preis der Theaterkarte ist zugleich eine Gastropauschale enthalten. So kann sich jeder Theatergast in den Pausen nach Belieben erfrischen und stärken – reibungslos und ohne lange Wartezeiten, denn das Personal ist gut vorbereitet, und egal ob Wasser, Weißwein, Cola oder hauseigene Limonade: Für alle steht genügend bereit. Der erfreulichste Nebeneffekt: Bei „Weck und Woi“ kommt man besonders leicht ins Gespräch und kann das Gesehene, sollte es einmal etwas anspruchsvoller ausfallen, gleich besser verdauen. Trotz der etwas höheren Eintrittspreise ein rundum aufgegangenes rheinland-pfälzisches Erfolgskonzept, das bundesweit gern Nachahmer finden darf.

Wer hat das Größte?

Gewaltiger Opernbau: der Palau de les Arts Reina Sofía in Valencia
Gewaltiger Opernbau: der Palau de les Arts Reina Sofía in Valencia

Nicht nur ein üppiges gastronomisches Angebot, sondern auch schiere Größe kann beeindrucken. Dass diese relativ ist, zeigt sich allerdings schon an der Wahl des Maßstabs. Bei der Größe von Opernbühnen ist München deutscher Spitzenreiter und europäischer Dritter – nach dem Warschauer Teatr Wielki und der Pariser Opéra Bastille. Wer dagegen nach der größten umbauten Fläche fragt, hat einen Grund mehr, nach Valencia zu reisen: Der Palau de les Arts Reina Sofía ist mit 40.000 Quadratmetern nicht nur europäische, sondern weltweite Spitze. Im Hauptsaal des Palaus finden allerdings gerade einmal 1.400 Menschen Platz. Bei der Zuschauerkapazität zeigen sich andere Häuser ehrgeiziger: Mit rund 2.500 Sitzplätzen ist das Festspielhaus Baden-Baden das großzügigste Haus Deutschlands und wird unter Europas Opernhäusern nur noch von der Opéra Bastille übertroffen.

Das Wasserbassin des Palais Garnier

Unterhalb der Opéra Garnier befindet sich ein gewaltiges Grundwassersammelbecken
Unterhalb der Opéra Garnier befindet sich ein gewaltiges Grundwassersammelbecken

Zwar hält die architektonisch umstrittene Opéra Bastille mehrere Größenrekorde, besonders Touristen schätzen jedoch die Pracht und historische Aura des Palais Garnier. Die von Napoleon III. in Auftrag gegebene Oper war der ehrgeizigste Theaterbau ihrer Zeit und war auch finanziell ein Mammutprojekt. Ihr Auftraggeber erlebte die Fertigstellung nicht mehr, und bei der Eröffnung war das Zweite Kaiserreich bereits Geschichte. Als einer der wenigen freistehenden Profanbauten im Herzen von Paris löst sich das Palais Garnier aus der geschlossenen Fassadenordnung der großzügigen Boulevards und bildet den monumentalen Fluchtpunkt der Avenue de l’Opéra. Doch bereits der schwierige Baugrund führte zu einem baulichen Kuriosum, das eine architektonische Meisterleistung darstellt: Wegen des hohen Grundwasserspiegels befindet sich unter dem Bauwerk ein Sammelbecken, das regelmäßig kontrolliert und ausgepumpt werden muss. Dieses unterirdische Wasserreservoir gab zahlreichen Legenden und literarischen Werken Nahrung.

Die Widerstandsfähigkeit des Teatro la Fenice

Das Teatro La Fenice in Venedig erstrahlte im Laufe seiner Geschichte gleich mehrfach in neuem alten Glanz
Das Teatro La Fenice in Venedig erstrahlte im Laufe seiner Geschichte gleich mehrfach in neuem alten Glanz

Obschon selbst von Wasser umgeben, hätte das Teatro La Fenice in Venedig das Wasser des Pariser Bassins wohl gut gebrauchen können. Theaterbrände waren über Jahrhunderte ein allgegenwärtiges Risiko. Schon das Teatro San Benedetto, aus dessen Tradition La Fenice hervorging, fiel 1774 einem Brand zum Opfer. Wie ein Phönix aus der Asche erhob sich daraufhin La Fenice – und erhielt nicht zuletzt deshalb seinen Namen. Ein zwiespältiges Versprechen, das das Haus 1836 und 1996 aufs Neue einlösen musste. Zugleich ist seine Geschichte ein eindrucksvoller Beleg für die Erneuerungskraft des Theaters und den optimistischen Umgang der Venezianer mit ihrem kulturellen Erbe.

Alte Gemäuer

Das Schwetzinger Schlosstheater ist das älteste erhaltene Rangtheater Europas
Das Schwetzinger Schlosstheater ist das älteste erhaltene Rangtheater Europas

Auch beim Alter spielt Venedig in der obersten Liga. Mit dem 1637 eröffneten Teatro San Cassiano beherbergte die Lagunenstadt das erste öffentliche Opernhaus der Welt. Das Gebäude wurde allerdings bereits 1812 wieder abgerissenen. Doch wie bei der Größe ist auch das Alter eine Frage der Definition: Deshalb gilt das 1737 eröffnete Teatro San Carlo in Neapel als das älteste noch bespielte Opernhaus – wenige Jahre vor der Staatsoper Unter den Linden, die damit in Deutschland an der Spitze steht. Institutionell reicht die Operntradition Hamburgs noch weiter zurück. Bereits 1678 öffnete mit der Oper am Gänsemarkt das erste öffentliche Opernhaus Deutschlands seine Türen. Das heute typische Bild eines Opernhauses mit übereinander angeordneten Rängen entwickelte sich erst später. Als ältestes erhaltenes Rangtheater dieser Art gilt das Schwetzinger Schlosstheater.

Großzügiges Foyer

Besucherfreundliche Moderne: das Staatstheater Darmstadt
Besucherfreundliche Moderne: das Staatstheater Darmstadt

Geradezu jugendlich wirkt dagegen das Staatstheater Darmstadt, das 1972 seinen Neubau am Georg-Büchner-Platz bezog. Neben der gelungenen städtebaulichen Einbindung von Gebäudekomplex und Vorplatz begeistert vor allem ein Detail, das viele Theater vermissen lassen: ein großzügiges, einladendes Foyer. Es bietet genügend Platz, um in Ruhe anzukommen, sich zu orientieren und während der Pause ins Gespräch zu kommen. Dank der ungewöhnlich geräumigen Schließfächer im Eingangsbereich lassen sich zudem die persönlichen Habseligkeiten bequem verstauen. Gewiss keine spektakuläre, dafür aber eine überaus praktische Besonderheit. Wer eine längere Anreise zum Theater auf sich nimmt, weiß sie zu schätzen: Nicht nur Mantel und Handtasche finden darin Platz, sondern auch Rucksäcke, Handgepäck und womöglich sogar ein großer Reisekoffer. Wer sich vor dem Abflug vom Frankfurter Flughafen noch mit einer Dosis Kultur versorgen möchte, wird in Darmstadt nicht enttäuscht.

Der „Parsifal“ des Nationaltheaters Mannheim

Das 1957 am Goetheplatz eröffnete Mannheimer Nationaltheater ist so alt wie die älteste Inszenierung des Hauses
Das 1957 am Goetheplatz eröffnete Mannheimer Nationaltheater ist so alt wie die älteste Inszenierung des Hauses

Gerade große Opernhäuser verfügen als Repertoiretheater über einen beträchtlichen Fundus an eingelagerten Produktionen. Diese werden über die Spielzeiten hinweg wiederaufgenommen und ergänzen die Neuinszenierungen. Manche Produktionen sind dabei längst ebenso lieb gewordene Klassiker wie die Opern selbst. So erfreut Peter Beauvais’ Fassung von Humperdincks „Hänsel und Gretel“ seit 54 Jahren das Hamburger Publikum; Otto Schenks „La Bohème“ hält sich sogar seit 1969 im Repertoire der Bayerischen Staatsoper. Der Spitzenreiter kommt allerdings einmal mehr aus der Kurpfalz: Hans Schülers zeitloser „Parsifal“ überdauert seit 1957 am Nationaltheater Mannheim als älteste noch gespielte Inszenierung die Zeiten. An dieser Tradition will auch die designierte Operndirektorin Elena Tzavara festhalten, die ihr Amt zur Saison 2028/29 antritt. Die älteste Produktion im Repertoire der Wiener Staatsoper, die über mehr Repertoirestücke verfügt als jedes andere Opernhaus, ist übrigens Margarethe Wallmanns „Tosca“ aus dem Jahr 1958.

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