Stimmfächer werden heute individueller gelebt als noch vor 30 Jahren. Ohnehin war die strikte Trennung zwischen Verdi– und Wagner-Fach schon immer eher Theorie als musikalische Praxis. Lise Davidsen wechselt – wie vor ihr etwa Gwyneth Jones oder Leonie Rysanek – mühelos zwischen diesen beiden Welten. Wenn sie hier Aida, Amelia („Un ballo in maschera“), Elisabetta di Valois und Leonora di Calatrava singt, besticht sie durch ein rauschhaftes Fluidum. Diese Stimme kennt offenbar keine Grenzen.
Davidsen interessiert sich spürbar für Verdis in Extremsituationen zerrissenen Frauenfiguren. In ihrer zupackenden Gestaltung geraten diese sogar in tiefster Bedrängnis nie an den Rand der Erschöpfung; innerer Schmerz wird hier zur üppigen Vokalgeste. Über das Abgründige schwebt Davidsen mit flutenden Phrasierungen fast hinweg. In den Kategorien des Heroischen und der schieren Kraft ist diese norwegische Ausnahmestimme konkurrenzlos. Sogar ihre Lady Macbeth demonstriert vor allem vitalen Willen zur Macht, wo andere nach psychologischen Zweifeln und Skrupeln forschen. Edward Gardner und das London Philharmonic Orchestra erweisen sich als kongeniale Partner für dieses ambitionierte Prestigealbum.
Verdi: Arien aus „Macbeth“, „Un ballo in maschera“, „La forza del destino“, „Don Carlo“ & „Aida“
Lise Davidsen (Sopran), London Philharmonic Orchestra, Edward Gardner (Leitung)
Decca





