Mit seinen drei reifen Opern „Andrea Chénier“, „Fedora“ und „Siberia“, die insbesondere in Italien zum Repertoire gehören, ist Umberto Giordano längst fest im Opernbetrieb verankert. Sein Erstlingswerk „Marina“ hingegen blieb einer größeren Öffentlichkeit bislang unbekannt. Nun legt Decca die Ersteinspielung des kammerspielhaften Einakters vor, der erst am 12. Februar 2026 uraufgeführt wurde. Vincenzo Milletarì dirigiert das Orchestra I Pomeriggi Musicali di Milano, den Coro della Fondazione Teatro Petruzzelli und eine handverlesene Solistenriege um Eleonora Buratto und Freddie De Tommaso.
Das knapp fünfzigminütige Werk kann sich neben veristischen Opern anderer Meister durchaus behaupten. So wurde es im zweiten Jahrgang jenes renommierten Wettbewerbs des Verlegers Sonzogno aufgenommen, den schließlich Mascagnis „Cavalleria rusticana“ gewann und bei dem zuvor Puccini seine „Villi“ eingereicht hatte. Kurzweilig, wenngleich ohne große dramatische Schärfe, erzählt Giordano eine fiktive, patriotisch grundierte Tragödie um die Montenegrinerin Marina. Sie gewährt dem feindlichen, auf der Flucht befindlichen serbischen Kämpfer Giorgio Lascari Schutz und verliebt sich in ihn. Der Verrat fliegt rasch auf. Marinas Bruder Daniele und ihr Verehrer Lambro sehen sich in ihrem patriotischen Ehrgefühl verletzt und verurteilen ihr Handeln. Aus Eifersucht erschießt Lambro schließlich den flüchtigen Giorgio und ersticht Marina gleich mit.
Prägnant und dramatisch geschärft
Auch wenn Giordano hier der Geniestreich noch verwehrt bleibt, besticht das kompakte Stück durch musikalische Prägnanz und gezielt eingesetzte dramatische Mittel. Besonders reizvoll sind das montenegrinische Soldatenlied, die feierlichen Nuancen des Brindisi und die abgerundeten Finali, die nie ins Exaltierte kippen.
Buratto singt die Titelrolle mit ihrem unverwechselbar vollmundigen, raumfüllenden Sopran. De Tommaso, ohnehin einer der derzeit besten Tenöre im italienischen Fach, veredelt seine leider unterrepräsentierte Partie als Giorgio mit kerniger, bodenständiger Verve. Umso präsenter behauptet sich Bariton Mihai Damian als von Eifersucht getriebener Lambro. Zurückhaltend, beinahe zu leise bleibt hingegen Sympathieträger Nicholas Mogg aus dem Hamburger Opernensemble als Daniele; auch der Chor gewinnt in seiner klanglichen Unschärfe zu wenig Kontur.
Giordano: Marina (Welterstaufnahme)
Eleonora Buratto (Marina), Freddie De Tommaso (Giorgio), Mihai Damian (Lambro), Nicholas Mogg (Daniele), Coro della Fondazione Teatro Petruzzelli, Orchestra I Pomeriggi Musicali di Milano, Vincenzo Milletarì (Leitung)
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