Niemals hat Frédéric Chopin einer Frau „Ich liebe dich“ geschrieben. Bei Männern gab er diesem Gefühl desto subtileren und mannigfaltigeren Ausdruck. Was der romantische Klaviervirtuose und Komponist in seinem Schlafzimmer oder an anderen Orten unternahm, wissen wir nach der Lektüre dieses spannenden und facettenreichen Buchs noch immer nicht. Vor allem geht es hier um die Auflösung von in 150 Jahren aufgehäuften Halbwahrheiten und Täuschungsabsichten der Biografik und Rezeption.
Der Schweizer Autor Moritz Weber ist selbst Pianist mit einer Chopin-Liste im Repertoire, deren Länge nur von Beethoven und Mozart übertroffen wird. Die Vertrautheit mit diesem Schaffen ermöglicht Weber rationale und musikalische Parallelen zu belastbaren Fakten. Weber untersucht Chopins Korrespondenz und holte sich bei der polnischen Literaturwissenschaftlerin Marta Nowicka zusätzliche Expertise. Aus dem Vergleich des Sprachgebrauchs und Ausdrucksspektrums von Männern, die das eigene Geschlecht begehren, mit jenem innig befreundeter Heterosexueller wird ersichtlich, dass Chopins körperlich-sinnliche Artikulation eindeutig sexueller Natur ist und nicht als emotionaler Überschwang abgetan werden kann.

Knochentrocken beschreibt Weber Pikantes und Riskantes, etwa die unterschiedlichen gesetzlichen Regelungen zum gleichgeschlechtlichen Verkehr in europäischen Ländern des 19. Jahrhunderts. Es ist eine spannende, wohltuende und ehrliche Demaskierung, die der Autor da betreibt und nach deren Lektüre man einige Kompositionen Chopins wie zum Beispiel den Walzer Des-Dur op. 70/3 unter neuen Vorzeichen hören wird. Dabei begnügt sich Weber nicht mit Quellen aus Chopins Nachlass, sondern durchforstet auch Material von dessen Bezugspersonen. Die Studie über einen wesentlichen Lebensbereich Chopins weitet sich zum Zeitpanorama und zur plastischen Darstellung des gefährdeten Lebens einer Minderheit.
Chopins Männer
Moritz Weber
Schwabe, 547 Seiten
39 Euro






