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Porträt Poiesis Quartet

Die Neuerfindung des gemeinsamen Atmens

Das Poiesis Quartet bringt vor allem Werke queerer Kunstschaffender zur Aufführung.

vonChristian Schmidt,

Wer heute ein Streichquartett gründet, tritt gegen einen ganzen Berg von Traditionen an: den Mythos der künstlerischen Vierkopf-Ehe, das museale Erbe des bürgerlichen Bildungskanons und eine Musikindustrie, die wahre Schönheit und künstlerische Aussagekraft oft mit glattgeschliffener Perfektion verwechselt.

Hier spielen vier Menschen, die das Genre sezieren wollen

Dass es auch anders geht, beweist das US-amerikanische Poiesis Quartet mit einer Radikalität, die auf erfrischende Weise die Kammermusikszene aufhorchen lässt. Spätestens seit seinem letztjährigen Triumph beim internationalen Streichquartett-Wettbewerb im kanadischen Banff Centre wurde klar: Hier spielen vier Menschen, die das Genre nicht bloß verwalten, sondern sezieren wollen. Während mancher allzu traditionelle Besucher noch darüber rätselte, ob wegen der schon äußerlich ungewöhnlichen Formation nicht eher zeitgenössische gesellschaftliche Trends prämiert worden waren, stand völlig unabhängig davon fest, dass niemand an den rein musikalischen Qualitäten dieses bemerkenswerten Quartetts zweifeln durfte.

Gegründet im Herbst 2022 am traditionsreichen Oberlin Conservatory in Ohio, führt das Ensemble seine Agenda bereits im Namen. Das altgriechische Wort „poiesis“ beschreibt den Akt des Erschaffens von etwas, das zuvor nicht existierte. Für Sarah Ying Ma, Coco Mi (Violinen), Jasper de Boor (Viola) und Drew Dansby (Violoncello) ist das kein hingestelltes Marketing, sondern die Verweigerung der bloßen Reproduktion. Das Quartett bricht konsequent mit der Komfortzone des Klassikbetriebs. Die Musiker verorten sich sichtbar in der LGBTQ+-Community und begreifen ihre Programme politisch – als „Widerstandskunst“ marginalisierter Stimmen. Wo andere Formationen Beethoven als unantastbares Heiligtum inszenieren, stellt das Poiesis Quartet dessen Partituren in den Dialog mit Werken von queeren Kunstschaffenden wie Kevin Lau oder Brian Raphael Nabors. Das ist keine Modeerscheinung eines von PR getriebenen Spielplans, sondern gelebte Ästhetik.

Das Poiesis Quartet sucht nach neuer Identität für das Musikschaffen im 21. Jahrhundert

Dass es vom Ensemble gewünscht ist, die Grenzen der Erwartungen zu verschieben, erweist sich dabei nicht als Selbstzweck, sondern zeigt, wie junge Menschen im Vertrauen auf die Klarheit ihrer künstlerischen Botschaften nach einer neuen Identität für das Musikschaffen des 21. Jahrhunderts suchen. Dass ihr Weg Widerhall findet, mag verschiedene Ursachen haben, aber diese ideologische Schärfung funktioniert nur, weil die handwerklich-künstlerische Basis unerbittlich präzise ist. Das Poiesis Quartet predigt nicht oder missioniert gar, es spielt. Und zwar in einer Phrasierung, der man fast die Neuerfindung des gemeinsamen Atmens andichten möchte. Und vielleicht liegt genau darin die Zukunft des Genres.

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