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Opern-Kritik: Staatstheater am Gärtnerplatz – Der Besuch der alten Dame

Das Grauen in Grau

(München, 3.7.2026) In diesem packenden Opernkrimi von Friedrich Dürrenmatt und Gottfried von Einem ist lange nicht klar, wer eigentlich Opfer und Täter ist. Regisseur und Puppenspieler Nikolaus Habjan lässt die Frage nach Gut und Böse aufregend in der Schwebe.

vonPeter Krause,

Gehört toxische Männlichkeit um jeden Preis bestraft? Rechtfertigt sie gar die Tötung des Täters? Wie locker nimmt es eine Stadtgemeinschaft mit der Moral, wenn die Bezahlung für einen gefühlt irgendwie denn doch gerechten Racheakt so enorm großzügig ausfällt, dass sie dem verarmten Gemeinwesen zum kollektiven Vorteil neuer Prosperität gereicht? Friedrich Dürrenmatt stellte die Fragen nach der zurück in die Antike regressierenden Relativität der Moral in der Nachkriegszeit der 1950er Jahre im Kontext seiner bitterbösen Schauspielkomödie „Der Besuch der alten Dame“.

Gottfried von Einem ließ sich davon zu einer Oper inspirieren, die 1971 ihre Uraufführung feierte – mit den Stars der Szene in nahezu alle relevanten Rollen und Leitungsaufgaben: Horst Stein dirigierte, Otto Schenk führte Regie. Jene alte Dame, die als zu enormem Reichtum gelangte Claire Zachanassian den Ort ihrer jugendlichen Demütigung besucht, gab Christa Ludwig. Bariton Eberhard Waechter sang jenen Alfred Ill, der Klara einst schwängerte, alsbald sitzen ließ und in die Prostitution trieb. Der damals führende deutsche Heldentenor, Hans Beirer, war mit seiner gewaltigen Stimme der Bürgermeister von Güllen, einer (nomen est omen: Gülle ist nun mal eine arg übelriechende Fäkalie) heruntergekommenen deutschen Kleinstadt, in der sich das Geschehen zuträgt.

An der Wiener Staatsoper wurde die Tragikomödie dann aus der Taufe gehoben. Jetzt wagte das Münchner Staatstheater am Gärtnerplatztheater eine Neuinszenierung, die sie Nikolaus Habjan anvertraute, jenem derzeit als Opernregisseur so angesagten Meister des Puppenspiels: Er doppelt die singenden Bühnenfiguren gern mit eigens hergestellten Puppen.

Szenenbild aus „Der Besuch der alten Dame“
Szenenbild aus „Der Besuch der alten Dame“

Die alte Dame erleben wir hier auch als junge

Dieser Akt der grotesken Brechung und typisierten Überzeichnung der Charaktere funktionierte in der Vergangenheit mit durchaus unterschiedlichem Erfolg. Denn nicht immer erschloss sich die Aufspaltung in singende Bühnendarsteller und maskenhafte Figuren dramaturgisch vollends sinnstiftend. Diesmal dosiert Habjan seine Zutaten freilich besonders bedacht: Nur die titelgebende alte Dame ist neben der Mezzosopranistin Sophie Rennert mit der von Manuela Linshalm geführten Puppe Claire gleich zweifach zu erleben.

Während die sensationell singende, mit noblem, geschmeidigen Luxustimbre, feinster Diktion und fraulicher Grandezza intonierende Österreicherin unmittelbar an die junge, naiv liebende Klara gemahnt (und nebenbei in ihrer musikalischen Intelligenz und ihrem aristokratischem Eros an die erste Rollenvertreterin Christa Ludwig erinnert), wird der Kopf der Handpuppe mit dem schwindenden roten Haupthaar, ergo der hohen Stirn, den dick geschminkten Lippen und den faltigen Minen zum Bild der alten, verbitterten Frau, die nach Güllen zurückkehrt, um zur Rachegöttin zu werden.

Szenenbild aus „Der Besuch der alten Dame“
Szenenbild aus „Der Besuch der alten Dame“

Aus der zwiefachen Titelfigur zieht der Regisseur nun enormes Spannungspotenzial – zumal in den Wiederbegegnungen mit ihrem früheren Liebhaber Albert Ill, der jetzt erneut ihre jung gebliebene Stimme mit all ihrem Verführungspotenzial hört, hingegen die alte Frau mit seinen Augen wahrnimmt. Da auch der herrliche, höhensichere Kavaliersbariton von Ludwig Mittelhammer als Ill eher einem virilen, jung gebliebenen Mandryka denn einem älteren Herrn gleicht, wird die einstige große Liebe zwischen Klara und Albert vollkommen glaubwürdig vermittelt und kontrastiert berührend mit dem grausigen Ende der Handlung.

„Rosenkavalier“-Melancholie: Es ist nochmal alles so wie damals

Gottfried von Einems Partitur steht damit in perfektem Einklang. Denn in ihr ist eben nicht allein die dunkle Gegenwart in krimihaften Schlagwerkeffekten, sondern zumal das Schwelgen einer unbeschwerten Jugendliebe mit dem Überschwang eines Richard Strauss in Melos und Harmonik enorm präsent. Es scheint: Es ist nochmal alles so wie damals. Immer wieder klingt „Der Rosenkavalier“ an mit all seiner Melancholie einer vergehenden Welt und seiner Verschaltung von Vergangenheit und Gegenwart.

Szenenbild aus „Der Besuch der alten Dame“
Szenenbild aus „Der Besuch der alten Dame“

Eine Mezzo-Sensation: Sophie Rennert

Nikolaus Habjan tariert in seiner Personenregie fein aus, wann Ludwig Mittelhammer die einstige Geliebte in Gestalt von Mezzo Sophie Rennert ansingt und darin bessere Zeiten beschwört, wann er indes mit der Puppe der gealterten Frau interagiert. So entsteht eine ausgeprägte Poesie und eine märchenhafte Stilisierung, die dem Werk sehr gut tut. Den Intentionen beider Autoren klug entsprechend meidet die Inszenierung jegliche simple Zuschreibung von Gut und Böse. Anfangs erscheint Albert Ill als der Ehrenmann vom Dienst, bestens integriert in die spießbürgerlich gräuliche Stadtgesellschaft von Güllen, die Heike Vollmer in den Häuschen des Bühnenbilds so klar zeichnet wie Bernhard Stegbauer in den einheitsgraugrünen Kostümen.

Die Wohlerzogenheit und Artigkeit dieser kleinen Welt ist aber natürlich nichts als pseudoheil. Das Angebot der einst aus dem Ort getriebenen, nun zu immensem Reichtum gelangten Claire Zachanassian wird zunächst mit Entrüstung abgelehnt: Sie verspricht eine Milliarde für Güllen und alle Einwohner, wenn die denn ihren Ex töten. Mit wem sollen wir nun Mitleid haben? Mit der Milliardärin und ihrem Schicksal einer einst verlassenen und aus der Stadt getriebenen Frau, die nun zur Auftragsmörderin wird? Oder mit dem Täter von einst, der nun droht, zum Opfer weiblicher Rachegelüste zu werden?  

Szenenbild aus „Der Besuch der alten Dame“
Szenenbild aus „Der Besuch der alten Dame“

Moralapostel mutieren zur mörderischen Meute

Es gehört zu den Stärken vom Stück und seiner Inszenierung, dass die Fragen keine einfachen eindeutigen Antworten erhalten. Da wird nicht moralisiert, sondern das Dilemma geschärft, Gut und Böse in der Schwebe gehalten. Die aufregendste Wandlung machen die potenten Chormassen durch, die von Moralaposteln zur mörderischen Meute mutieren. Die Gier macht’s möglich. Erst kommt der Kaufrausch, dann die kollektiv entfesselte Lynchjustiz, die sich die Gemeindeversammlung just im „Goldenen Apostel“ per einstimmigem Beschluss legitimiert. Die Kostüme unterstreichen die gesellschaftliche Verrohung: Denn immer mehr greift das zunächst nur der alten Zachanassian vorbehaltene Rot um sich. Das Grauen in Grau wird blutrot. Nikolaus Habjan schärft das Tragische der Entwicklung, da sich Claire und Alfred am Ende deutlich annähern. Doch es ist längst zu spät für ein gutes Ende. Das Schicksal des einstigen Täters ist besiegelt.

Welch‘ ein Krimi! Welch‘ ein Ensemble!

Pointierte Profile auch in den mittleren und kleinen Partien machen diesen Opernabend so packend: Die Tenöre Norbert Ernst als Clairs Butler und Wolfgang Ablinger-Sperrhacke als Bürgermeister sowie Bariton Matija Meić als Lehrer seien hier nur stellvertretend für das exzellente Ensemble genannt. Michael Balke lotet mit dem Orchester des Staatstheaters am Gärtnerplatz den Strauss-Schmelz von Einems so lukullisch aus, wie er die darin eingemischten Abgründe spürbar macht. Welch‘ ein Krimi!

Staatstheater am Gärtnerplatz München
von Einem: Der Besuch der alten Dame

Michael Balke (Leitung), Nikolaus Habjan (Regie), Ricarda Regina Ludigkeit (szenische Mitarbeit), Heike Vollmer (Bühne), Bernhard Stegbauer (Kostüme), Paul Grilj (Licht), Karin Bohnert (Dramaturgie), Soffi Povo (Puppenbau), Sophie Rennert, Tobias Giesecke, Norbert Ernst, Dieter Fernengel, Christoph Mack, Caspar Krieger, Juan Carlos Falcón, Ludwig Mittelhammer, Frances Lucey, Anna-Katharina Tonauer, Gyula Rab, Wolfgang Ablinger-Sperrhacke, Timos Sirlantzis, Matija Meić, Jeremy Boulton, Levente Páll, Yoojin Lee (Erste Frau), Tamara Obermayr (Zweite Frau),Paul Schweinester (Hofbauer), Juho Stén (Helmesberger), Chor und Kinderstatisterie des Staatstheaters am Gärtnerplatz, Orchester des Staatstheaters am Gärtnerplatz






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