Startseite » Oper » Opern-Kritiken » Vorzüge des Halbszenischen und der Mangel der Nichtregie

Opern-Kritik: Salzburger Festspiele – Lucio Silla/Ariadne auf Naxos

Vorzüge des Halbszenischen und der Mangel der Nichtregie

(Salzburg, 2.8.2026) Die Salzburger Festspiele bringen zugleich Mozarts Frühwerk „Lucio Silla“ in einer semiszenischen und Richard Strauss‘ „Ariadne auf Naxos“ in einer Vollinszenierung auf die Bühne. Eine Geschichte über bestens geeignete Spielorte und jene, die dazu werden.

vonPatrick Erb,

Großartige Opern haben gern einmal eine Seifenoper zur Handlung und vollkommene Schönheit zum Soundtrack. Das trifft auch auf Wolfgang Amadeus Mozarts „Lucio Silla“ zu, der kurz nach der erfolgreichen Jugendoper „Mitridate, re di Ponto“ entstand. Nun hat sich Mozart-Experte Adam Fischer des Werks im Rahmen der Salzburger Festspiele angenommen und es in der Felsenreitschule in einer semiszenischen Fassung präsentiert.

Eine Seifenoper ist das Stück, weil sich die bitterernsten politischen Ränkespiele, wie in der Opera seria der Mozartzeit üblich, heillos in einem komplexen Liebesgeflecht verheddern und dadurch mitunter höchst ulkig anmuten: Da ist der Diktator Silla, der seinen politischen Widersacher Cecilio aus Rom verbannt hat. Der wiederum plant gemeinsam mit seiner Verlobten Giunia, der Tochter von Sillas einstigem Erzfeind Mario, und seinem im Dienste Sillas stehenden Freund Cinna den Umsturz. Auch Sillas Schwester Celia, die in Cinna verliebt ist, darf gelegentlich ihren Einfluss auf den Diktator geltend machen. Die Handlung ist dabei ironischerweise weniger komplex als die Namen der Akteure sich ähnlich sind!

Schwere Stoffe mit innovativen Musiken

Musikalisch vollkommen ist „Lucio Silla“, weil die Arien und Rezitative von einer geradezu instinktsicheren Schönheit erfüllt sind. Nirgendwo sonst findet man bei Mozart vergleichbar aufwendig gestaltete Accompagnato-Rezitative, in denen die Violinen wie in einem Stephen-King-Roman die Luft schauerlich erzittern lassen oder die Hörner à la „Don Giovanni“ bedrohlich tönen. Kaum eine andere Mozart-Oper treibt die Gesangs- und Koloraturkunst so manieristisch auf die Spitze wie „Lucio Silla“ in seinen teils fünfzehnminütigen, vollorchestrierten Arien. Auch der Chor weist über die Konventionen der klassischen Opera seria hinaus: Er beschließt nicht allein hymnisch den dritten Akt, sondern beendet auch die beiden vorangegangenen mit handlungsrelevanten Auftritten.

Dennoch ist „Lucio Silla“ weder populär, noch gilt das Werk als uneingeschränkt bühnentauglich. Das zeigt sich bereits in Adam Fischers Entscheidung, die mehr als vierstündige Oper sinnvollerweise auf leicht verdauliche zweieinhalb Stunden zu kürzen und damit heutigen Hörgewohnheiten anzupassen. Es zeigt sich aber auch bei Regisseurin Birgit Kajtna-Wönig, die dem traditionellen lieto fine, dem „Happy End“, misstraut und darauf ebenso verzichtet wie auf eine Vollinszenierung.

Regisseurin Birgit Kajtna-Wönig und Dirigent Adam Fischer setzen die Musik ins Zentrum einer Inszenierung von „Lucio Silla“, das die Architektur der Felsenreitschule als Kulisse miteinbezieht
Regisseurin Birgit Kajtna-Wönig und Dirigent Adam Fischer setzen die Musik ins Zentrum einer Inszenierung von „Lucio Silla“, das die Architektur der Felsenreitschule als Kulisse miteinbezieht

Die Felsenreitschule: beinahe ein schauriger Ort

Dabei wären Handlung und Felsenreitschule natürliche Verbündete. Die Schauplätze der Oper sind für ihre Entstehungszeit ungewöhnlich schaurig: von den römischen Gräbern, an denen Giunia ihren Vater Mario um Beistand anfleht, bis hin zum Kerker, in den Cecilio gesperrt wird. In den kargen, in den Fels geschlagenen archaischen Rundbögen finden sie ihre ideale Entsprechung. Der entscheidende Schritt aber bleibt aus: die etwas verloren nebeneinanderstehenden Arien- und Duettszenen zu einem sinnvollen Ganzen zusammenzufügen. So agieren die fünf Solisten mitunter über lange Strecken im luftleeren Raum.

Sängerisch jedoch bieten sie durchaus viel Erfreuliches: Insbesondere die russische Sopranistin Nina Solodovnikova entfacht als Giunia bei der Geisteranrufung und in ihrer Abschiedsarie für den zum Tode verurteilten Cecilio ein dramatisches Feuerwerk. Mezzosopranistin Xenia Puskarz Thomas verleiht den konventioneller gebauten Arien des Cecilio dennoch eine überzeugende, raumgreifende Tiefenschärfe. Martina Russomanno begeistert als Cinna in den großen dramatischen Tableaus mit Ausdauer, während Lilit Davtyan als Celia und Giovanni Sala, der als Silla die einzige männliche Gesangsstimme im Solistenensemble stellt, stückbedingt nur wenige Gelegenheiten zum Glänzen erhalten. Mit dem Mozarteumorchester und Adam Fischer auf der Bühne – und damit der Musik im Zentrum – erlebt das Publikum schließlich einen formvollendeten, wachen und transparenten Mozart-Klang.

Ariadne auf dem Mars

Wo Kajtna-Wönig einen treffenden Spielplatz vorfand, musste Ersan Mondtag ihn für seine Inszenierung von „Ariadne auf Naxos“ erst neu erfinden. Und wo wäre Richard Strauss’ gesellschaftskritisches Konversationsstück im 21. Jahrhundert besser zu Hause als in einer aus Hybris heruntergewirtschafteten Erddystopie? Oder in der von kindlicher Entdeckerlust getriebenen Besiedlung ferner Planeten durch Tech-Bros?

Anzeige

Im Haus für Mozart verlegt Mondtag das Stück im Stück jedenfalls in einen futuristisch anmutenden Saal. Im Hintergrund flackert ein grell leuchtender Bildschirm auf, der als einziges Fenster den Blick in die Außenwelt freigibt. Ob echt oder fake, ob Mars oder Wüste, spielt in dieser Entgrenzung keine Rolle. Schwebende Drohnen und Raumschiffe ziehen vorüber; doch auch Sterne und ein aufgehender Mond erscheinen, die an Gemälde Caspar David Friedrichs erinnern. Sind sie der Hauch kulturell tradierter Sehnsuchtsthematik, der die technologiegetriebene Zerstörung ironisch überlebt hat? Aus Seifenoper wird jedenfalls Sci-Fi-Oper. Hier waltet nun nicht der reichste Mann Wiens, sondern der reichste Mann des Universums.

Szenenbild aus „Ariadne auf Naxos“
Szenenbild aus „Ariadne auf Naxos“

Gute Idee, weniger glückliche Umsetzung

Mag Mondtag damit einen spielerischen Zugang zum Stück gefunden haben, mag auch der Aufwand hinter der dezent eingesetzten, dabei ausgesprochen kunstvoll gestalteten Videotechnik beträchtlich sein – lebendig wird das Werk dadurch nicht. Problematisch ist vielmehr: Bereits mit dem ersten vorbeiziehenden Raumschiff weiß das Publikum, wohin die Reise geht. Von den sandfarbenen Einheitsuniformen der Bediensteten über die dadaistisch anmutenden Kostüme der Tanzcompagnie bis zum unverkennbar an Elon Musk angelehnten Bacchus im Raumfahreranzug wird die einmal gefundene Idee anschließend nur noch ausbuchstabiert. Dessen Flügelhelm verweist natürlich auf den Götterboten Hermes, für den Ariadne ihn irrtümlich hält. Schließlich sei Bacchus bereits bei Hofmannsthal wie Musk heute ein „Herr über ein Schiff“.

Viel spielerische Raffinesse bekommt das Publikum dennoch nicht zu sehen. Die gesamte Besetzung zieht auf vorgezeichneten Bahnen durch den Raum; weder die erregten Gefühle zwischen Komponist und Zerbinetta noch die pseudorührende Liebe zwischen Ariadne und Bacchus finden gestischen Ausdruck. Szenische Interaktion bleibt Fehlanzeige und soll – wie allzu oft in hochkarätig besetzten Produktionen – durch ein zusätzliches Tanzensemble kompensiert werden. Doch kann das genügen? Der Schlussjubel, den etliche Buh-Rufe durchsetzten, zeichnete jedenfalls ein kontroverses Stimmungsbild.

Szenenbild aus „Ariadne auf Naxos“
Szenenbild aus „Ariadne auf Naxos“

Vom stillen Zauber zur reifen Blüte

Musikalisch dürfte dagegen weitgehend Einigkeit geherrscht haben: Manfred Honeck überzeugt mit einer besonders feinsinnigen und klug disponierten Lesart. Er steckt die harmonischen Koordinaten zunächst mit sanften, innigen Tönen ab und garantiert im schauspielerisch geprägten Prolog eine hohe Textverständlichkeit. Davon profitiert Kate Lindsey als Komponist, die in zarter Schönheit singt, wenngleich nicht durchweg formvollendet intoniert. Auch Ziyi Dai kommt diese Transparenz bei ihrem Salzburger Debüt als Zerbinetta zugute. Der chinesischen Sopranistin gelingen vor allem die ariosen Passagen mit Kraft und Bravour, weniger dagegen die textreichen.

Im weiteren Verlauf lässt Honeck die Wiener Philharmoniker zunehmend von der Kette und entlockt ihnen schillernde Farben. Darin fügen sich Jasmin Delfs als Najade, Anja Mittermüller als Dryade und Marlene Metzger als Echo auch mit skurrilen Kostümen zu einem nymphischen Gesamtkunstwerk zusammen. Gewohnt große Kunst bietet Christina Nilsson in der Titelpartie der Ariadne. Eric Cutlers Bacchus besitzt stimmliche Gravität, bleibt szenisch jedoch umso schwerfälliger. Auf die Wiedererweckung ihrer Lebensgeister durch ihn braucht Nilssons Ariadne allerdings nicht erst zu warten: Honeck nimmt diese mit einem Schlussdirigat vorweg, das in voller Jugendstilblüte erstrahlt. Dieser Festspieltag beweist, dass ein guter Drehort nur der halbe Weg zum Erfolg ist. Bestbesetzt ist nicht gleich bestgespielt. Grandiose Musik aber, die kann Salzburg.

Salzburger Festspiele
Mozart: Lucio Silla

Adam Fischer (Leitung), Birgit Kajtna-Wönig (Szenische Einrichtung), Mara Wild (Video), Bernd Gallasch (Licht), Bernadette Salzmann (Kostüm), Michael Schneider (Chor), Giovanni Sala, Nina Solodovnikova, Xenia Puskarz Thomas, Martina Russomanno, Lilit Davtyan, Rupert Burleigh (Hammerklavier), Bachchor Salzburg, Mozarteumorchester Salzburg

R. Strauss: Ariadne auf Naxos

Manfred Honeck (Leitung), Ersan Mondtag (Regie, Bühne & Kostüme), Franck Evin (Licht), Alexander Pannier (Video), Ashley Alexandra Wright (Choreografie), Kate Lindsey, Christina Nilsson, Eric Cutler, Ziyi Dai, Johannes Silberschneider, Christoph Pohl, Jonas Hacker, Blaž Stajnko, Fabian-Jakob Balkhausen, Leon Košavić, Michael Porter, Lukas Enoch Lemcke, Theodore Browne, Jasmin Delfs, Anja Mittermüller, Marlene Metzger, Fabio Dorizzi, Wiener Philharmoniker





Auch interessant

Rezensionen

Anzeige

Klassik in Ihrer Stadt

Anzeige

Newsletter

Jeden Donnerstag in Ihrem Postfach: frische Klassik!