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Opern-Kritik: Bayreuther Festspiele – Das Rheingold

Wenn das Rheingold in Bilderfluten absäuft

(Bayreuth, 27.7.2026) 150 Jahre Bayreuther Festspiele: Jetzt ging der Jubiläums-„Ring“ an den Start – mit einem von der Künstlichen Intelligenz erfundenem visuellen Wuseln, dessen Beliebigkeit das Publikum ermattet zurücklässt.

vonPeter Krause,

Mancher eingefleischte Wagnerianer, der von den letzten Bayreuther „Ring“-Inszenierungen von Frank Castorf bis Valentin Schwarz entsetzt war, mochte heimliche Hoffnungen gehegt haben. Nicht etwa, weil es diesmal die Position „Regie“ in der Liste der Leitungsfunktionen von „Musikalischer Leitung“ bis „Kostümbild“ gar nicht gab. Sondern weil die Ankündigung, es gebe im „Ring“ 2026 als Bildwelt einen von der Künstlichen Intelligenz generierten Querschnitt von 150 Jahren Bayreuther Inszenierungshistorie, doch immerhin nahelegte, dass die legendären liebgewonnenen Produktionen von Wieland Wagner, Patrice Chéreau und Harry Kupfer ein wohliges Wiedersehen bieten mochten. Statt krampfhafter Neuerung der Sicht auf die mythenschwere und womöglich längst ausinterpretierte Tetralogie also ein Best of-Mix bewährter Lösungen. Statt intellektueller oder politischer oder sonstwie kritischer Befragung des Stücks einfach mal die Rolle rückwärts. Retro ohne Regie. Entlastung statt Erregung. Poesie statt Konzept.

Szenenbild aus „Das Rheingold“
Szenenbild aus „Das Rheingold“

Unerwünscht: eine eigene Haltung zum Werk

Die ersten Minuten machen denn auch durchaus Laune. Während Christian Thielemann das allmähliche klangliche Wachsen und Werden der Welt aus der Es-Dur-Ursuppe mit überlegener leichter Hand gestaltet – flüssig im besten und wahrsten Sinn des Wortes, transparent und warm zugleich, als ganz natürliche Evolution, öffnet sich langsam der Vorhang, und wir erblicken auf der Rückwand der Bühne Schwarz-Weiß-Bilder der Rheintöchter aus der ersten Bayreuther Inszenierung von 1876, die Richard Wagner ja noch selbst als Regisseur verantwortete. Das Anfangsbild ist von Marcus Lobbes und seinem für die KI-Bebilderung zuständigen Team noch nicht dem digitalen Zufall überlassen: Es ist eine bewusste Setzung der künstlerisch-technischen Kuratoren, die ansonsten ausdrücklich keine Interpretation, keine eigene Haltung zum Werk einnehmen wollen. Sie haben in ihrer Vorarbeit nur eifrig Bildmaterial gesammelt, in einen Archiv-Pool eingespeist und die Szenenfolge dramaturgisch in einem Skript festgehalten, damit die KI weiß, zu welchem Teil der Handlung denn grundsätzlich welche visuellen Schnipsel passen.

Szenenbild aus „Das Rheingold“
Szenenbild aus „Das Rheingold“

Poetische Assoziationsräume oder ermüdende Langeweile?

Während zu Beginn also noch eine zur epischen Ruhe der Musik passende Langsamkeit der Projektionen herrscht und die Publikumserwartung – statt der sonst allfälligen Regieprovokation – in Richtung anregender poetischer Assoziationsräume geht, gibt Marcus Lobbes diese einzige, die KI gleichsam mäßigende Vorgabe auf. Denn der Direktor der Akademie für Theater und Digitalität in Dortmund lässt nun eine solch ungebremste Flut der Bilder zu, die erst für Überforderung, dann – es folgen ja noch über zwei pausenlose Stunden Wagnerwerk – nurmehr für ermüdende Langeweile sorgt. Die Bildfolge ist derart beschleunigt, als würde sie dem wahllosen Wischen auf dem Smartphone folgen. Sowohl auf die Rückwand als auch auf die Gaze am Orchestergraben (Bühne: Wolf Gutjahr), werden die Projektionen geworfen, dazwischen stehen die Sänger festgenagelt wie Skulpturen, alle ähnlich gewandet in gräulichen wuseligen Kostümen wie aus handelsüblichen Fantasy-Filmen.

Die Besetzungsliste weist Pia Maria Mackert als Kostümbildnerin aus. Gestreift von einem Anflug von Humor wirkt allein das Kostüm von Klaus Florian Vogt als Feuergott Loge: Er trägt – schließlich ist der Lohengrin die Rolle seines Lebens – Flügel am Rücken. Eine Personenregie gibt es ausdrücklich nicht, soll es ja auch nicht geben, die szenische Probenphase ist von vielen Wochen auf wenige Tage geschrumpft. Das Konzept ist auch ein Sparmodell.

Szenenbild aus „Das Rheingold“
Szenenbild aus „Das Rheingold“

Das Verschmelzen von theatraler Geschichte und Gegenwart

Zugegeben: Es gibt ein paar aparte Augenblicke. Wenn Wieland Wagners Weltenscheibe, denen das den Sängern vorbehaltene Halbrund entfernt ähnelt, auf der Rückwand erscheint, dann verschmelzen theatrale Geschichte und Gegenwart: Die Besetzung von heute steht so statisch umher wie auf dem Foto von einst, sie verlängert gleichsam das frühere sängerische Kollegium. Doch es bleiben dem Zufall geschuldete sekundenkurze Momente der Magie, denen alsbald nichts als digital generierte Beliebigkeit folgt. Erkennbar wird die höchst gelangweilte, in Liegestühlen vor dem Motel sitzende Herrenriege aus Frank Castorfs „Rheingold“-Produktion.

Natürlich wählt die KI auch immer wieder die Fabrikwelten aus Chéreaus legendärem Jahrhundert-„Ring“, doch die Bilder bleiben zu oft im gepixelten Ungefähr und wechseln einfach zu rasant, als dass sie für sinnstiftenden Beziehungszauber sorgen könnten. Der Mix aus Bühnenentwürfen, konkreten Szenenfotos, Naturbildern und romantischen Gemäldezitaten ergibt ein wuselndes Gewimmel, das bestenfalls an die surrealen Welten von Salvador Dalí erinnert, aber meist doch nur eine viel zu spät kommende Möchtegern-Postmoderne unterbietet. Und letztere hat nun mal eine für das (Musik-) Theater fatale Eigenschaft: Sie ist so furchtbar beliebig. Den behaupteten und erhofften Mehrwert besitzen diese Bilderfluten der KI nicht. Sie mögen künstlich (erzeugt) sein, intelligent sind sie nicht wirklich.

Szenenbild aus „Das Rheingold“
Szenenbild aus „Das Rheingold“

Thielemann zaubert mit dem größten Understatement

Doch jede Verlusterfahrung kann ja auch einen Gewinn bieten. Dieser liegt darin, dass die Sänger so artig festgenagelt auf der Stelle stehen und daher direkt zu Christian Thielemann blicken können, dass die musikalische Koordination ein Kinderspiel zu sein scheint. Am Pult des Orchesters der Bayreuther Festspiele steht der wichtigste Wagner-Dirigent der Gegenwart und kann mit dem größten Understatement zaubern. Dieses „Rheingold“ klingt über weite Strecken wie Kammermusik und wie ein perfekt austariertes Konversationsstück. Thielemann trägt die Sänger auf Händen. Er entfaltet die Leitmotive ganz plastisch und verständlich. Er dirigiert ohne jeden Druck, weiß eben, wie die Kunst des feinsten Übergangs geht. Erfahrung, die im auf junge aufstrebende Dirigenten setzenden Musikmarkt fast zum Schimpfwort geworden ist, zahlt sich bei ihm vollends aus. Erst im letzten Bild steuert Thielemann bewusst orchestrale Höhepunkte an, die nun umso krasser ihre Wirkung entfalten.

Sängerisch ist die Bayreuth-Welt in Ordnung: Da verströmt Michael Volle als weltbester Wotan die Bariton-Souveränität eines echten Göttervaters. Anna Kissjudit ist als seine Gattin Fricka die große Entdeckung des Abends, so berührend dunkel und erdig tönt ihr Mezzo zwischen Eichenholz und Granit. Klaus Florian Vogt (der in diesem „Ring“ auch den Siegmund und den Siegfried geben wird) führt seinen Tenor für den Loge so schlank und hell wie zu seinen sängerischen Anfängen. Jochen Schmeckenbecher ist ein deklamationsstarker, nachgerade intellektuell gestaltender Alberich, dem nur die düstere Durchschlagskraft abgeht. Charaktertenor Gerhard Siegel führt seinen Mime nah an die Grenze der Karikatur. Mika Kares ist ein mit wohltönenden Kopfstimmenresonanzen aufwartender Edel-Fasolt. Nur: Wie geht das jetzt weiter mit dem Bayreuther-KI-„Ring“? Gibt es die unverhofft schnelle Lernkurve des Systems? Lernen die Bilder, langsamer zu laufen?

Bayreuther Festspiele
Wagner: Das Rheingold

Christian Thielemann (Leitung), Marcus Lobbes (Kurator), Marcus Lobbes & Nils Corte (Künstlerisch-technische Konzeption), Andri Hardmeier (Dramaturgie), Roman Senkl (Digital- und KI-Storytelling), Nils Corte & Phil Hagen Jungschlaeger (Creative Code & Visual Art), Wolf Gutjahr (Bühne), Pia Maria Mackert (Kostüme), Michael Volle (Wotan), Alexander Grassauer (Donner), Siyabonga Maqungo (Froh), Klaus Florian Vogt (Loge), Anna Kissjudit (Fricka), Evelin Novak (Freia), Christa Mayer (Erda), Jochen Schmeckenbecher (Alberich), Gerhard Siegel (Mime), Mika Kares (Fasolt), Peter Rose (Fafner), Katharina Konradi (Woglinde), Natalia Skrycka (Wellgunde), Marie Henriette Reinhold (Floßhilde), Orchester der Bayreuther Festspiele


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