Beten eigentlich auch die Götter zu Gott? Woran glauben Götter? An die Gesetze, die sie selbst verfassen, zum Wohl des Miteinanders aber als verbindlich erachten? Zumindest scheint es etwas zu geben, an das sich Göttervater Wotan in Wagners „Die Walküre“ gebunden sieht und dessen Einhaltung Fricka, über seinen Bruch des Ehegelöbnisses bestens informiert, durch den Tod der Wälsungen einfordert. Schließlich ist der Tod auch das, was Wagner seinem Wotan als konsequenteste aller Sehnsüchte in den Mund legt, wenn er ihn nach dem Ende sehnen lässt.
Langsam lässt sich erahnen, welche religiös-kosmischen Ausmaße Tobias Kratzers „Ring“ annehmen könnte, ohne auch nur eine Sekunde an Witz und Selbstironie einzubüßen, ohne das Hier und Jetzt zu vernachlässigen oder auf zahlreiche Anspielungen zu verzichten. An der Bayerischen Staatsoper geht die Tetralogie nun mit „Die Walküre“ in die zweite Runde. Weniger scheint Kratzer daran gelegen, das Werk ausschließlich nachzuerzählen oder auszudeuten, als sich stilpluralistisch ein wenig von beidem zu erlauben und dabei den Mut zur großen Form zu bewahren.

Rückbezüge auf mehreren Ebenen und dennoch gut ohne Vorkenntnisse nachvollziehbar
So begegnet dem Publikum das imposante gotische Altarretabel aus dem „Rheingold“ wieder, in dem die nordischen Götter um Wotan noch wie Actionfiguren ausstaffiert waren. Nun ist es auf Hausaltargröße zusammengeschrumpft und ziert den Herrgottswinkel in Hundings Hinterwäldlerhütte, mitsamt Vollholzinterieur und grün lasiertem Kachelofen – es bayert hier sehr. Doch nicht nur Hunding und Sieglinde knien ehrfürchtig davor nieder. Auch Wotan versucht, den Altar wieder herzurichten, nachdem er ihn zornentbrannt zerlegt hat, als er vom Wirken seiner Kinder Siegmund und Sieglinde erfuhr.
Zeitlich zwischen dem ersten und dem zweiten Teil des „Rings“ angesiedelt, gewähren diese Sequenzen Einblick in eine mögliche Vergangenheit: Sie zeigen, wie Wotans buchstäbliches Aussteigerleben mit seiner sterblichen Frau und den Kindern Siegmund und Sieglinde verlaufen sein könnte. Den Clou hebt Kratzer allerdings erst in den letzten Minuten des dritten Aufzugs, als eine Videosequenz Loge und Fricka dabei zeigt, die Aussteigeridylle zu zerstören. Sie setzen Wotans Hütte in Brand und lösen damit jenen Schicksalsschlag aus, aus dem die Handlung der „Walküre“ resultiert.

Neuauslotung von Figuren, szenischer Witz mit Ortsbezug
Das macht Fricka zu einer doppelbödigen Figur, die sich hinter der Fassade rationaler Konsequenz von Anfang an mit ungeahnter Bosheit und Rachsucht zeigt. Bemerkenswert verstricken sich hier die Göttertragödie und das Versagen auf einer eigentlich zutiefst menschlichen Ebene.
Szenisch begeistert Kratzer das Publikum freilich mit seinem Walkürenritt. Das verleiht der Inszenierung ein gewisses Maß an wagnerianischer Street Credibility. Schließlich müssen die Walküren von irgendwoher ausreiten. Warum also nicht von dort, wo das Werk einst uraufgeführt wurde. Warum nicht aus dem Ionischen Saal der Staatsoper höchstselbst, um im Englischen Garten und rund um die Residenz nach gefallenen Helden für Wotans Zombiearmee zu suchen? Als musischer Tempel und wichtigstes Haus kunstreligiöser Verehrung in der Landeshauptstadt schlägt die Staatsoper damit spielerisch die nächste Brücke zur groß angelegten theologischen Ebene und zum Münchner Publikum. Szenenapplaus im wahrsten Sinne des Wortes.
Auch auf der Darstellerseite gibt es nicht minder Schönes zu beobachten, das mit dem sauberen Regiehandwerk korrespondiert. Allen voran steht Nicholas Brownlee, dieser kongeniale, kernige amerikanische Bassbariton. Seine ulkige türkisfarbene Göttertracht mit Flügelhelm kontrastiert eklatant mit dem Maximum an dramatischen Farben, das er Wotan in stets raumgreifender, epochaler Breite abzugewinnen vermag: von jener Seriosität, die das göttliche Richten mit sich bringt, über die Wut auf Brünnhildes Ungehorsam bis zum liebevoll-lamentösen Abschied von ihr.

Von preußischer Haltung bis sängerischer Verve
Der wichtigsten Walküre verleiht Miina-Liisa Värelä urkomische, beinahe karikatureske Züge. Mit der steifen, alarmistischen Haltung eines preußischen Wachsoldaten samt Pickelhaube – beziehungsweise eines Kindes, das diesen zu spielen versucht – übererfüllt sie den militärischen Gehorsam gegenüber Wotan auf überdeutliche Weise. Sollte Väreläs körperliche Steifheit gar nicht gespielt sein, darf die Abendspielleitung sie gern für die weiteren Vorstellungen übernehmen. Ihrem metallisch schillernden Sopran hilft diese Haltung jedenfalls dabei, noch sirenenhafter zu wirken.
Mezzosopranistin Irene Roberts präsentiert sich in der Rolle einer vom kurzen Leben im Ehezwang gezeichneten und gescheiterten Sieglinde in München zu Recht als gefeierte Klangdiva von 160 Zentimetern Körpergröße und als Charakterdarstellerin von wuchtigem Format. Ihr brüderliches Pendant Siegmund gestaltet Joachim Bäckström mit deutlicher darstellerischer Verve, wenngleich um ein Mü weniger sängerisch durchscheinend. Hier ist Roberts die klingende Offenbarung.
Weiterhin beachtenswert sind Ain Anger, der das skurrile Format eines zurückgezogen lebenden, wenngleich aggressiven und skeptischen Jäger-Hunding mit Gewehr, Stiefeln und Trachtenweste gut ausfüllt, sowie Christiana Bock. Als Rossweiße ragt sie unter den zahlreichen souverän auftretenden Walküren nicht nur physisch, sondern auch sängerisch einen Kopf höher heraus.

Musik aus einem Guss
Musikalisch präsentiert Vladimir Jurowski mit dem Bayerischen Staatsorchester einen angenehm austarierten Klangkörper aus einem Guss, in dem keine Szene überzeichnet wirkt und dessen Gestaltung sich jederzeit aufmerksam verfolgen lässt. Sehr schön geraten die deutlichen und markanten Grundierungen der Kontrabässe, die dem ohnehin dynamischen Gesamtbild der Streicher zusätzliche Würze verleihen. Keine falsche Note ist in den bei Wagner sonst so schwer zu beherrschenden Blechbläserfluten herauszuhören.
Witz beweist Jurowski schließlich mit seinem Walkürenritt, den er ganz adrett und klassisch, mit großer Geste und militärischer Schärfe ausmalt. Das Militär stellt für manchen Altgeneral schließlich ebenfalls eine Art Religion dar. Vielleicht liegt darin bereits der nächste Anknüpfungspunkt für Kratzers „Ring“, der freilich noch so manche Überraschung bereithalten dürfte. Man bleibt gespannt.
Bayerische Staatsoper
Wagner: Die Walküre
Vladimir Jurowski (Leitung), Tobias Kratzer (Regie), Matthias Piro (Mitarbeit Regie), Rainer Sellmaier (Bühne & Kostüme), Michael Bauer (Licht), Manuel Braun, Jonas Dahl & Janic Bebi (Video), Joachim Bäckström, Ain Anger, Nicholas Brownlee, Irene Roberts, Miina-Liisa Värelä, Ekaterina Gubanova, Dorothee Herbert, Julie Adams, Elene Gvritishvili, Claudia Mahnke, Niina Keitel, Christina Bock, Natalie Lewis, Noa Beinart, Sean Panikkar, Bayerisches Staatsorchester




