Ein Satz, den Tomasz Konieczny während der Premierenfeier zur „Walküre“ äußerte, blieb besonders haften: Der polnische Bariton, der als Wagner-Interpret von Wien bis Bayreuth große Erfolge gefeiert hat und als Initiator und Künstlerischer Leiter des Baltic Opera Festivals nun in die vierte Festivalausgabe geht, sieht sein Festival auf dem besten Weg in die Profiliga der europäischen Opernfestivals. Entscheidend dafür sei, das deutschsprachige Repertoire und insbesondere das Werk Richard Wagners in Polen zu etablieren. Bis heute spielen die deutsche Oper und Wagner in seinem Heimatland keine allzu große Rolle; entsprechend wenig vertraut sind viele Orchester mit dieser Musik. Doch Konieczny weiß: Wer ganz oben mitspielen will, kommt um Wagner nicht herum. Das gilt für Opernhäuser ebenso wie für Festivals – von Glyndebourne bis Salzburg, von Barcelona bis Athen.
So verwundert es kaum, dass sich Konieczny im 150. Jubiläumsjahr des Grünen Hügels für eine „Walküre“ in der Waldoper von Sopot entschieden hat. Schließlich war der Ort aufgrund seiner Wagner-Tradition einst als „Bayreuth des Nordens“ bekannt. Den Anschluss daran suchte das Festival nun mit einer in sich geschlossenen Variante des zweiten Teils der „Ring“-Tetralogie: einer Koproduktion mit den Nationalopern Dänemarks und Griechenlands, für deren Regie John Fulljames verantwortlich zeichnet. Dass eines Tages der gesamte Zyklus auf die Bühne kommen könnte, sei freilich ein Traum, den es noch zu verwirklichen gelte. Diese erste Kostprobe erwies sich bereits als souveräner Vorgeschmack.

Zwischen Ratio und Emotion
Fulljames, der in seiner für sich stehenden „Walküre“ weder auf den Urkonflikt des „Rheingolds“ zurückgreifen noch auf den späteren Verlauf des „Rings“ vorausdeuten kann, nimmt Schein und Sein des Göttervaters Wotan ins Visier. Zwischen IT-Controller und Architekt, zwischen Steve Jobs und Tadao Ando zeigt der Regisseur seinen Wotan als inspirierten Entrepreneur, der in geordneten Bahnen zu verwirklichen sucht, was durch göttliches wie menschliches Irren schicksalhaft zum Scheitern bestimmt ist. Die klaren Formen der Architekturmodelle, die schlichten Ateliermöbel und der für gutes Karma sorgende Bonsai spiegeln Wotans Sehnsucht nach Ordnung und göttlicher Fügung. Alles Handeln scheint rational und determiniert.
Doch längst wird diese Vorsehung von den eigenen Mitarbeitern infrage gestellt: von Fricka als der dem CEO unmittelbar nachgeordneten Instanz, aber auch von den zahlreichen technischen Planerinnen in Gestalt Brünnhildes und der übrigen Walküren, die jene vermeintlich stabilen Hierarchien zu zersetzen drohen. Ein gigantischer Speer, der den als Machtzentrale fungierenden Treppenaufgang durchstößt, verweist auch räumlich auf die Brüchigkeit der göttlichen Ordnung.

Die göttliche Ordnung, das irdische Leben
Siegmund und Sieglinde, aber auch Hunding, erscheinen dagegen als naturverbundene Wald-und-Wiesen-Menschen. Ihre Kleidung – Karohemd, Cargohose und Wanderstiefel – spricht so unverkennbar von individuellen Freiheiten, wie es dem Einheitsgrau und -beige der Götter verwehrt bleibt: natürlich, ungeordnet und willkürlich, menschlich, durchtrieben und frei entscheidend.
Zwar sind sie in ihrem menschlichen Handeln und Streben weitaus zerbrechlicher als der Göttervater, umso eindrucksvoller aber krankt dieser scheinbar rationale Gott an seinen eigenen menschlichen Gefühlen. Angesichts von Siegmunds Schicksal erkennt er sich zunächst als Gefesselter und Unfreiester von allen; bei der Bestrafung Brünnhildes muss er schließlich in den berühmten finalen Worten eingestehen, dass „einer nur freie die Braut, der freier als ich, der Gott“.

Sinnvoller Solitär
Gerade deshalb stört es kaum, dass das Regiekonzept keine großen Deutungstüren aufstößt und kaum weiterführende gedankliche Räume eröffnet. Denn Tomasz Konieczny, dem die Partie hier besonders feinsinnig phrasiert gelingt, kann diesem neu ausgeloteten Wotan überraschende, beinahe unerhört empfindsame Töne entlocken. Man verlässt diese „Walküre“ wahrlich erhaben und bedrückt zugleich.
Der französische Tenor Stanislas de Barbeyrac gestaltet unterdessen einen blutfrischen Siegmund mit erfrischend hellem Timbre und markanten Akzenten. René Pape bestätigt sein Niveau als Experte für jene Wagner-Partien, die erst durch eine derart raumgreifende und präsenzstiftende Gestaltung ihre volle Wirkung entfalten. In der Dramaturgie des Werks nicht ganz so individuell profiliert, aber auf hohem Niveau singend, präsentieren sich die Sopranistin Stéphanie Müther als Brünnhilde und die Mezzosopranistin Małgorzata Walewska als Fricka mit flexibler Stimmführung.
Beste Kapellmeisterkunst
Das größte Verdienst gebührt allerdings Axel Kober. Dem ehemaligen Düsseldorfer Generalmusikdirektor gelingt es, aus den Musikerinnen und Musikern der Baltischen Oper in Danzig und des Symphonieorchesters der Lemberger Nationalen Philharmonie – zwei Klangkörpern, die nur wenig Erfahrung mit Wagner mitbringen – einen einheitlichen, ausgewogenen und dem Bühnengeschehen zuträglichen Klang zu formen. Im Open-Air-Rahmen lässt dieser nichts vermissen und braucht sich gewiss nicht zu verstecken.

Rheingold mit Dvořák-Allüren
Neben der „Walküre“ war im Rahmen des Wagner-Schwerpunkts am Vorabend sowie noch am Mittag ein „Rheingold für Kinder“ zu erleben, das unter dem Titel „Złoto Renu“ zentrale Melodien und musikalische Fragmente des Werks mit einer polnischen Dialogfassung verband. Am Klavier von dem in Hannover wirkenden Kapellmeister Piotr Jaworski begleitet, verdichtete Regisseur Daniel Schliewa den Plot zu einem kleinen Märchen über den Raub und die Rückgabe des Goldes.
Vieles erhielt in der von Paulina Chmurska übersetzten Fassung einen ganz eigenen Charakter. So erinnerte etwa der Gesang der Rheintöchter über das Gold an das sprudelnde Treiben der Wassernixen aus Dvořáks „Rusalka“. Ob der Stoff in seiner facettenreichen Dichte letztlich für die Kleinsten geeignet ist, lässt sich ebenso nur erahnen wie die Antwort auf die Frage, ob Fafners Brudermord, der in dieser Fassung nicht vorkommt, Kindern nicht schon zuzumuten wäre. Das Heranführen an die farbenreichen Höhepunkte von Wagners Musik kann freilich nie schaden.
Made in Poland
Die abschließende Operettenproduktion verband schließlich mit Joseph Beers kongenialer, 1937 uraufgeführter „Polnischer Hochzeit“ ein polnisches Sujet mit einem ausschließlich aus polnischen Sängerinnen und Sängern bestehenden Ensemble. Mag der Titel des Werks eine kurzweilige, leichte Handlung verheißen, so verbirgt sich hinter der Fassade heiterer Albernheiten auch ein unverkennbarer Stolz nationaler Selbstbehauptung.
Die Handlung ist um 1830 angesiedelt, zur Zeit des Novemberaufstands, in dem Polen größere Anstrengungen unternahm, sich vom russischen Kaiserreich loszusagen. In diesem historischen Umfeld kehrt Boleslav Zagorsky als polnischer Freiheitskämpfer in die Heimat zurück, um seine Jugendliebe Jadja zu heiraten und sein Erbe anzutreten. Doch Jadja soll sich gegen ihren Willen mit Boleslavs Onkel, Graf Staschek, verloben, der bereits fünfmal verheiratet war. Schnell führt das eine zum anderen: In einem Verwirrspiel aus Versuchen, die Hochzeit zu vereiteln, findet das junge Paar schließlich zueinander.

Eklektizistischer Operettencocktail
Beer bedient sich dabei einer Reihe populärer musikalischer Formen seiner Zeit – Polka, Csárdás, Walzer, Polonaise, Jazz und Romanze –, die er zu einer geschmeidigen, zugleich aber anspielungsreichen Vinaigrette verrührt. Da ist etwa eine Polonaise, die an Tschaikowskys „Eugen Onegin“ erinnert, oder das Revue-Highlight „Katzenaugen“, das als albernes Versatzstück zwischen rührseliger Heimatliebe und amourösen Verwicklungen das Publikum ebenso erdet wie die Figuren auf der Bühne. Insbesondere in der polnischen Textfassung als „Kocie oczy“ wird spürbar, wie sehr dieses Werk in der polnischen Sprache zu Hause ist.
Die brachiale Distanz zwischen Ernst und Komik weiß Regisseur Paweł Miśkiewicz sinnvoll zu nutzen. Ausgehend von einem ausgeprägten Bühnenrealismus – der Freiheitskämpfer kehrt in beinahe tolstoischer Manier an einem Schlagbaum in sein Heimatland zurück – muss sich der verhasste Graf Staschek während seiner Hochzeitsnacht infolge einer Intrige als Sadomaso-Opfer im Latexoutfit wiederfinden. Das Stück droht zunehmend ins Dadaistische zu kippen. Das ist erheiternd komisch; seine eigentliche Tragweite erschließt sich allerdings erst bei eingehender Beschäftigung mit dem Werk. Aus dem unmittelbaren Bühnengeschehen heraus dürfte die Inszenierung daher für das eine oder andere Fragezeichen sorgen. Authentisch performt wurde gleichwohl!

Landeseigenes Sängerensemble
Piotr Buszewski schmettert in der Rolle des Boleslav als eine Art polnischer Pavarotti zahlreiche, teils refrainartige Liebesbekundungen an seine Jadja und an sein Heimatland. Grzegorz Szostak führt als über Liebe und Jugend reflektierender, an seinen ambitionierten Altherrenfantasien jedoch scheiternder Graf Staschek wie ein Conférencier durch die Operette. Der als Solist an der Komischen Oper bekannte Bariton Hubert Zapiór und die Mezzosopranistin Marta Wiktorzak sind als sängerdarstellerische Rädelsführer und als im Verlauf der Handlung zueinanderfindendes Traumpaar Zuza und Kazimierz zu erleben, durch das aus der geplanten Hochzeit schließlich eine Doppelhochzeit wird.
Einziger Wermutstropfen bleibt der übersteigerte Wille der Regie, die zu Recht kritisierbaren, frauenherabwürdigenden Elemente des Werks durch zahlreiche Ergänzungen in Form von Melodramen und Sinneseindrücken einzuordnen. Das nimmt der dadurch auf beinahe drei Stunden ausgedehnten Operette einiges an Biss und Unterhaltungswert. Eine solche Einordnung ließe sich gewiss ebenso wirkungsvoll mit den der Partitur eigenen Mitteln erzählen.
Deutsches Repertoire als Maßstab
Dass Konieczny bereits einen Ausblick darauf geben konnte, was 2027 zum fünften Jubiläum dieses jungen und einzigen polnischen Opernfestivals geplant ist, lässt ebenfalls aufhorchen. Mit einem konzertanten Open-Air-„Fidelio“ am 4. Juli, dem Unabhängigkeitstag der USA, und mit Startenor Michael Spyres setzt das Festival ein politisch subtiles und künstlerisch deutliches Zeichen. Ferner stehen eine Produktion von „Andrea Chénier“ in der Opera Bałtycka sowie ein „Freischütz“ auf der Waldbühne unter der Regie von Andreas Homoki auf dem Programm. Damit setzt das Baltic Opera Festival seinen aufsehenerregenden Werdegang fort.
Nachgerade die deutsche Nationaloper ins Programm aufzunehmen, die als einer der zentralen Repertoireklassiker in Polen offenbar noch weitgehend unbekannt ist, stellt freilich einen gewagten Sprung dar. Szenisch allerdings dürfte der Wald hierfür der gelungenste aller Spielorte sein.
Baltic Opera Festival 2026
Das Rheingold für Kinder (Złoto Renu)
Piotr Jaworski (Klavier & Leitung), Daniel Schliewa (Regie), Viktoriia Shamanska, Iryna Melnyk, Nataliia Tepla, Annika Egert, Zuzanna Cembor, Mateusz Kulczyński, Łukasz Konieczny, Szymon Kobyliński, Daniel Schliewa, Piotr Maciejowski
Wagner: Die Walküre
Axel Kober (Leitung), John Fulljames (Regie), Tom Scutt (Bühne & Kostüm), D. M. Wood (Licht), Tomasz Konieczny, Stanislas de Barbeyrac, Izabela Matuła, Stéphanie Müther, René Pape, Małgorzata Walewska, Katarzyna Wietrzny, Natalia Rubiś, Magdalena Pluta, Joanna Motulewicz, Annika Egert, Iwona Wall, Anna Bernacka, Barbara Bagińska, Orchester der Baltischen Oper in Gdańsk, Symphonieorchester der Lemberger Nationalen Philharmonie
Beer: Polnische Hochzeit
Łukasz Borowicz (Leitung), Paweł Miśkiewicz (Regie), Barbara Hanicka (Bühne), Marta Szypulska (Kostüme), Marek Kozakiewicz (Licht), Anna Grabowska-Borys (Chor), Jerzy Butryn, Monika Radecka, Grzegorz Szostak, Piotr Buszewski, Marta Wiktorzak, Hubert Zapiór, Andrzej Jagodziński Trio, Ballett, Chor & Orchester der Oper Breslau


