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Interview Jordi Savall

„Ich kann als Künstler nicht außerhalb der Realität leben“

Jordi Savall, vor wenigen Wochen 85 Jahre alt geworden, erzählt im Interview voller Vitalität von seinen nächsten Konzerten und Projekten.

vonSusanne Bánhidai,

Gerade ist Jordi Savall 85 Jahre alt geworden, aber an ein Leben abseits des Musik- und Konzertbusiness ist nicht zu denken. Bei der Styriarte in Graz, wo er mit seiner Gambe und seinen Ensembles ein gern gesehen Gast ist, trafen wir ihn gut gelaunt zwischen zwei Konzerten. In beeindruckendem Deutsch berichtete er über seinen Weg von der Gambe zum Dirigieren, Forschungsprojekte, Nachwuchsförderung und politischem Engagement.

In einem früheren Interview haben Sie uns erzählt, dass Sie jeden Tag mit dem Spiel auf der Gambe beginnen. Machen Sie das immer noch?

Jordi Savall: Ja, das ist meine erste Form der Zen-Medizin.

Gibt es ein spezielles Repertoire dafür?

Savall: Nein, ein Stück von Bach oder von Marin Marais – etwas Schönes und Ruhiges. So kann ich feststellen, ob der Korpus des Instruments und mein eigener noch flexibel sind. Die Gambe ist für mich wie ein guter Freund und alle Freundschaften wollen gepflegt werden. Während einer Probenphase für eine Oper konnte ich mal eine lange Zeit nicht spielen – danach war sie beleidigt, so dass sie eine Zeit weniger gut klang.

Eine lange Zeit Ihres Lebens haben Sie sich ganz der Gambe verschrieben und sie auf die Konzertpodien geholt. Ist diese Mission nun beendet?

Savall: Mission würde ich es nicht nennen. Ich war auf der Suche nach Gerechtigkeit für die Gambe. Als ich 1965 im British Museum so wunderbares Repertoire für sie entdeckte, war ich geschockt. Nach etwa zehn Jahren auf dem Violoncello war ich bereit für eine Solokarriere, die ich abbrach, um mich der Gambe zu widmen. Ich wollte die Technik erforschen und fragte meinen Professor August Wenziger: „Können Sie mir helfen, die Gambe so zu spielen wie Marin Marais?“ Er antwortete: „Ja, aber ich werde mein Instrument nicht zu Ihren Kursen mitbringen.“ Trotzdem hat er mir sehr geholfen. Aber Dank meiner Forschung der Originalquellen wollte ich diese Musik eben komplett anders spielen, als sie gelehrt wurde – ebenso wie in der Zeit von Marin Marais. Vielleicht gerade deswegen habe ich drei Jahre später die Ausschreibung für seine Position gewonnen und konnte die Professorenstelle in Basel übernehmen. Ich habe gerne als Freiberufler in der Alten-Musik-Szene gespielt, aber mit der Professur konnte ich eine Familie gründen und persönliche Projekte mit meiner ersten Frau, der Sängerin Montserrat Figueras, realisieren wie das Ensemble Hespèrion XX, La Capella Reial de Catalunya und Le Concert des Nations.

Jordi Savall an der Gambe, gemeinsam mit der Capella Reial de Catalunya
Jordi Savall an der Gambe, gemeinsam mit der Capella Reial de Catalunya

Sie haben Ihr Repertoire mittlerweile sehr erweitert …

Savall: Ich spiele noch viele Konzerte mit meiner Gambe, aber weniger neues Repertoire, weil ich mehr Zeit für meine neuen Projekte haben möchte. Nachwuchsförderung ist eine starke Motivation. 2019 habe ich für junge Musiker eine Akademie ins Leben gerufen, die an das Orchester Le Concert des Nations angeschlossen ist. Wir haben in zwei Jahren alle Sinfonien von Beethoven aufgenommen. Ich nutze jetzt meine 50-jährige Erfahrung aus der intensiven Beschäftigung mit Barock und Renaissance, um die Ursprünge der romantischen Musik zu entdecken. Die modernen Orchester können fantastisch sein, aber ihre Interpretation, Dynamik und Phrasierung sind weit von den Originalquellen entfernt. In den Akademien von Le Concert des Nations haben wir die verschiedenen Stile chronologisch durch die Musikgeschichte erarbeitet: Lully, Händel, Bach, Gluck, Mozart und Haydn. Wenn wir dann bei Beethoven ankommen, haben wir viele Informationen, die auch ein Musiker aus seiner Zeit frisch im Kopf hatte. So spielen wir heute Beethoven, Schubert oder Bruckner ganz anders.

Wie würden Sie Ihre Beziehung zu Beethoven beschreiben?

Savall: An erster Stelle stehen für mich Johann Sebastian Bach und Claudio Monteverdi. Müsste ich ein Ranking mit Komponisten für die Zeit danach abgeben, wären es Beethoven und Mozart. Dazu ein kleines Bonmot: Ein Journalist fragt Rossini, wer der beste Komponist sei. Natürlich antwortet er: Beethoven. „Und Mozart?“, fragt der Journalist nach. „Mozart ist unique“, lautet seine Antwort. Der eine ist ein Revolutionär, Mozart ist Engel und Teufel zugleich.

Zurück zu Beethoven, den Sie in seinem Würdigungsjahr 2027 mit einer Aufführung der „Missa solemnis“ bedenken …

Savall: Die Sinfonien von Beethoven waren schon zu Studienzeiten eine enorme Inspiration für mich, neben den „Sieben letzten Worten“ von Joseph Haydn. Ich habe mich mit den Urtexten und Autografen von Beethoven beschäftigt. Da habe ich vieles entdeckt, was in den Editionen nicht zu sehen ist. Dort ist alles perfekt. In den Manuskripten sehen Sie, wie viel Blut es ihn gekostet hat, diese Messe zu schreiben. Man sieht in dieser Komposition die Genialität Beethovens: die technische Meisterschaft ebenso wie seine Hoffnung auf Frieden, die keine triumphale Hoffnung ist, sondern eher von leichter Resignation erfüllt.

Beide Werke haben einen christlichen Hintergrund. Welche Beziehung haben Sie zur Religion?

Savall: Ich bin wie alle Spanier katholisch getauft. Sechs Jahre lang habe ich im Kirchenchor gesungen, was meine musikalische Entwicklung beeinflusst hat. Allerdings werden so viele Kriege im Namen der Religion geführt. Daher finde ich es absurd zu behaupten, mein religiöser Weg sei der einzig wahre. Ich weiß nicht, ob es einen Gott gibt. Aber wenn ich Musik mache, bin ich mit einer überirdischen Dimension verbunden. Wir brauchen Spiritualität, um zu leben. Die Musik ist die beste Möglichkeit, sie zu spüren. Sie ist blind gegenüber Meinungen und unterschiedlichen Formen der Religionsausübung.

Forscht derzeit über kreolische Musik: Dirigent Jordi Savall
Forscht derzeit über kreolische Musik: Dirigent Jordi Savall

Für Sie ist die Musik nicht nur ein Ort des Rückzugs. Was ist Ihr Antrieb, sich als Musiker auch gesellschaftlich zu engagieren?

Savall: Ich kann als Künstler nicht außerhalb der Realität leben. Wir sind öffentliche Personen und können nicht neutral bleiben. Wenn man nichts sagt, akzeptiert man die Zustände. 2017 habe ich zusammen mit meinen Musikern kleine Konzerte in einem Flüchtlingslager in Calais gegeben. Nicht viel später war ich in Griechenland in einem Flüchtlingscamp bei Thessaloniki, das war schlimmer, weil dort viele Frauen und Kinder waren. Das hat mich sehr bewegt. Ich kann die Welt nicht ändern – aber was kann ich tun? Da habe ich das Ensemble Orpheus 21 für geflüchtete Musiker gegründet, benannt nach Orpheus, der Eurydike aus der Unterwelt rettete.

Das Weltgeschehen hat offensichtlich großen Einfluss auf Ihre Arbeit …

Savall: Ich forsche derzeit über kreolische Musik, also Musik aus Kuba, Haiti, Guadaloupe, Mexiko, Venezuela und Afrika. Dabei stoße ich auf grausame Schicksale der Sklaverei – gleichzeitig ist die Musik unglaublich schön. Menschen, die alles verloren haben, brauchten etwas, um weiterzuleben. Sie erfreuten sich am gemeinsamen Musizieren. Viele Länder haben vergessen, dass der Reichtum Europas seit dem 17. Jahrhundert auf Ausbeutung beruht. Auch dabei hilft Musik: Geschichte lebendig zu erleben und uns zu erinnern.

Sie haben Ihr eigenes Label gegründet, das nächstes Jahr 30 Jahre alt wird. Wie begegnen Sie den Veränderungen des Plattenmarktes?

Savall: Alia Vox war das erste Label eines unabhängigen Musikers und das gibt es immer noch! Der Markt verändert sich durch Streaming-Angebote rasant und nicht zum Vorteil für klassische Musik. Sie hat nur vier Prozent Marktanteil. Und was bekommen die Musiker davon? Niemand kann unter diesen Voraussetzungen noch Aufnahmen produzieren. Ich arbeite jetzt mit Spezialisten aus Frankreich und Spanien an einem Projekt, um die klassische Musik zu retten, und habe beschlossen, einen Teil des Preisgeldes von meinem kürzlich erhaltenen Ernst-von-Siemens-Preis dafür zu verwenden. Es wird eine Plattform, auf der nur klassische Musik, Jazz, Alte Musik und traditionelle Musik angeboten wird. Sie wird „Aevum“ heißen: Die Zeit, die einen Anfang hat, aber kein Ende!

Sie sind gerade 85 Jahre geworden und haben so viele Projekte …

Savall: Das Leben ist interessant. Ich schlafe nicht so viel, aber gut. Ich liebe es, immer früh aufstehen, weil ich so viele neue und interessante Projekte habe.

Gibt es etwas, das Sie begeistert und das nichts mit Musik zu tun hat?

Savall: Ich habe das Glück, in meinem Haus in Bellaterra nahe Barcelona einen großen Garten, mit Gemüse, vielen Bäumen und einem Fischteich zu haben. Ich unterhalte mich mit meiner Frau, schwimme, lese, und gehe mit ihr und unserem Hund spazieren. Hier erhole ich mich. Anstrengend am Musikerleben ist das Reisen, das Warten und die Kontrollen an Flughäfen. Aber die Konzerte sind eine Energiequelle, stets wie eine Heilung.

Aktuelles Album:

Album Cover für Schumann: Das Paradies und die Peri

Schumann: Das Paradies und die Peri

Lina Johnson & Johanna Rosa Falkinger (Sopran), Marianne Beate Kielland (Mezzosopran), Kieran Carrel & Ferran Mitjans (Tenor), Manuel Walser (Bariton), Nicolas Brooymans (Bass), La Capella Nacional de Catalunya, Le Concert des Nations, Jordi Savall (Leitung)

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