Eine ehemalige Eisengießerei im Norden Berlins, überall nur Kopfsteinpflaster und Backsteinbauten. Niemand da, vielleicht nur zwei brennende Herren, die sich die Hände reichen. Unweigerlich denkt man an das ikonische Albumcover der Rockband Pink Floyd „Wish You Were Here“, wenn man das neue Domizil des DSO besucht. Kazuki Yamadas Lächeln zur Begrüßung ist offen, mit einem Touch des Geheimnisvollen. Bei jeder seiner Antworten füllt der Dirigent den Raum mit sprechenden, nuancierten Gesten.
Auf was freuen Sie sich am meisten in Ihrer ersten Saison mit dem DSO?
Yamada: Die Chemie mit dem Orchester stimmte von Anfang an, als ich es im April 2024 zum ersten Mal leiten durfte. Der Auftritt bedeutete gleichzeitig mein Debüt in der Berliner Philharmonie. Was für ein schöner Klang – Orchester wie auch Ort! Das hat sich bei unseren weiteren Auftritten bestätigt. Die Vorfreude auf unsere erste gemeinsame Saison ist dementsprechend groß. Ich möchte gerne das Besondere dieses Klangkörpers herausarbeiten. Die Frage lautet: Was ist unsere Spezialität, was passiert zwischen mir und dem Orchester? Das verlangt eine Menge Konzentration und Aufmerksamkeit, damit Harmonie entstehen kann. Interessanterweise steckt dieser Gedanke bereits in der Bedeutung der Kanji-Zeichen meines Vornamens. „Kazu“ bedeutet Frieden oder Harmonie, während „ki“ mit einem großen Baum, Harmonie und Kreativität verbunden ist. Es geht dabei um ein gewisses Gefühl von Telepathie. Ich spüre jetzt schon das Besondere. Es liegt irgendwie in der Luft, als ob ich es riechen könnte. Mein Ziel ist es, einen Klang zu definieren und zu kultivieren, der reich an Farben und Temperaturen ist, ähnlich wie die Natur und das Wetter, die sich ständig verändern und verwandeln. Sonne bei Mozart, Sturm bei Beethoven, und sehr viele Schattierungen dazwischen. Ich möchte eine musikalische Dramaturgie schaffen, die sanglich ist. Die Welt ist so kompliziert, die täglichen News sind ohrenbetäubend. Es gibt immer mehr Feindschaft. Genau deshalb liegt es an uns Musikern zu zeigen, dass Harmonie möglich ist. Das ist meine Sichtweise.
Das Saisonmotto lautet „Ach, Mensch“. Ist das eher ein verzweifelter Seufzer oder ein Ausruf der positiven Überraschung?
Yamada: Es ist ein Ausruf und eine Frage zugleich: Was ist der Mensch? Es war mein Anliegen, gleich zum Start diese große, ewige und – heute mehr denn je – entscheidende Frage nach dem Menschsein und dem Menschlichen zu stellen. Denn sie wird immer relevanter. Das Motto soll zum Nachdenken über die Definition von Menschlichkeit im 21. Jahrhundert anregen, insbesondere vor dem Hintergrund der außergewöhnlichen Fortschritte im Bereich der künstlichen Intelligenz.
Wie betrachten Sie die rasante Entwicklung von KI? Ist sie eine Bedrohung für die Kunst?
Yamada: Viele Problemstellungen und Aufträge können von KI effizient erledigt werden, dazu noch wesentlich schneller, als Menschen es je könnten. Die Vernetzung und teilweise eigenständige Weiterentwicklung der Systeme werden sich künftig noch beschleunigen. Das ist in der Tat beängstigend. Ich bin jedoch fest davon überzeugt, dass Emotionen in Kunst, Musik, Malerei und Tanz ein einzigartiges menschliches Attribut bleiben werden. Wir Musiker arbeiten mit unseren Gefühlen, mit unserem Körper und menschlichen Ideen. Was wir hören, hat ein Komponist oder eine Komponistin erschaffen. Es steht auf analogem Papier, in unseren Noten. Immer mehr Musiker arbeiten mit iPads, das ist in Ordnung. Ich lehne diesen Informationsträger für meine Tätigkeit jedoch ab.

Warum bevorzugen Sie nach wie vor das Haptische?
Yamada: Ganz einfach: Ich brauche meine ausgewählten Partituren und die zahlreichen Notizen, die ich mir teilweise über Jahre hinweg gemacht habe. Diese Arbeitsweise hat aber auch einen philosophischen Hintergrund. Papier ist fragil – seine materielle Beschaffenheit spiegelt die endliche Natur von Musik und dem menschlichen Leben wider, was im Gegensatz zur nahezu ewigen Beständigkeit digitaler Formate, ihrer Kopierfähigkeit und ihrer Speicherung steht. Ich glaube, dass Kunst und Musik von Natur aus zerbrechlich und nicht effizient sind. Aber genau das stellt ihren Wert dar.
Die europäische und die asiatische Mentalität unterscheiden sich grundlegend. Welche hiesigen Verhaltensweisen, Regeln und Alltagsdinge finden Sie bis heute befremdlich?
Yamada: Bis zu meinem 30. Lebensjahr war Japan mein Lebensmittelpunkt. Als ich dann nach Berlin kam, kannte ich vieles natürlich nicht. Zum Beispiel – ganz simpel – die korrekte Angabe der postalischen Anschrift: Name, Straße und Hausnummer, Postleitzahl und Ort, schließlich das Land. In Japan ist die Reihenfolge genau umgekehrt. Und auch der Name wird in meiner Heimat anders gruppiert. Zuerst nennen wir den Nachnamen, dann den Vornamen. Also in meinem Fall Yamada Kazuki. Das hat tiefgehende kulturelle Hintergründe. In Japan ist die Familie größer, dann erst kommt das Individuum. Und ganz oben steht die Gesellschaft. Kazuki ist nur eine Person unter vielen in der Gemeinschaft. Was ich in Europa derzeit befremdlich finde, ist der Anschein, dass alles so friedlich ist. Auf der anderen Seite des Kontinents aber toben Kriege und Auseinandersetzungen, in der Ukraine, im Iran und in Israel. Es ist ein seltsames, trügerisches Gefühl.
Gibt es in Ihrem privaten Leben etwas, das Sie niemals machen würden? Zum Beispiel: einen Zen-Garten anlegen, im Schwimmbad vom Zehnmeterturm springen, einen deutschen Schweinebraten zubereiten?
Yamada: Tatsächlich würde ich nie vom Zehnmeterturm springen. Nicht wegen der Höhe, das wäre kein Problem. Sondern wegen des Wassers. Denn ich kann nicht schwimmen! Und tauchen schon gar nicht. Jedes Tier kann schwimmen, nur wir Menschen müssen es erst mühsam lernen. Als Kind habe ich es versucht, aber dann aufgegeben. Ich war zu nervös, hatte Angst vor dem Atmen beim Eintauchen, eine ganz furchtbare Sache. Dabei liebe ich das Meer, die Luft und das Licht über dem Ozean.

Sie lesen viel. Welches Buch können Sie empfehlen?
Yamada: Unbedingt empfehlen möchte ich „Sapiens – Eine kurze Geschichte der Menschheit“ von Yuval Noah Harari. Das Buch ist wirklich großartig und hilfreich. Und leicht verständlich geschrieben, anders als andere philosophische Werke. Außerdem „13,8 Milliarden Jahre Musikgeschichte“ von Toshihiko Urahisa. Der Autor untersucht darin die Verbindungen von Musik zum Universum, das nach wissenschaftlichen Erkenntnissen ja vor 13,8 Milliarden Jahren entstand. Er zeigt die Evolution von Klang und Musik in Verbindung mit Humanismus, Gesellschaft und Politik auf.
Beim letzten Ihrer insgesamt sechs Saisonprogramme mit dem DSO steht Fazıl Says Cellokonzert „Never Give Up“ auf dem Programm. Könnte das vielleicht auch Ihr Lebensmotto sein?
Yamada: Ja, das ist es. Es ist auch unsere Botschaft als Künstler, mit den Menschen in Beziehung zu treten. Und Fazıl Say ist ein wunderbarer Künstler und eine einzigartige Person. Was ihn so besonders macht, ist die Tatsache, dass er viele Dinge studiert hat, nicht nur Musik. Er versteht die komplexen Zusammenhänge und hat seine eigene Philosophie. Fazıl vertritt vehement seine eigene Meinung, auch politisch, womit er oft aneckt. Manchmal wirkt er schroff, dann wieder schüchtern. Aber er ist ein ganz sanfter Mensch, ein herzlicher und warmer Mensch. Er hat eine ausgeprägte und ganz besondere Sensibilität, so wie wir Japaner.
