Giorgi Gigashvilis Instagram-Account bietet Stoff für gleich mehrere Leben. Für ihn und sein Umfeld ist diese Fülle jedoch keineswegs eine Belastung – im Gegenteil: Ausgelassene Momente und kleine Albernheiten im Alltag sind ihm ebenso wichtig wie sein großer Freundeskreis. Auch seine Heimat Georgien bildet immer wieder einen zentralen Bezugspunkt, wie das Gespräch mit ihm zeigt, wenn er etwa nachdenkt über …
… Popcorn
Giorgi Gigashvili: Ich liebe Popcorn. Es waren die ersten Tage dieses Jahres, an denen ich wirklich Zeit für mich hatte. Ich hatte sehr viele Konzerte gegeben, ständig geübt und gespielt und war praktisch nie zur Ruhe gekommen. Also flog ich zurück nach Georgien, nach Tiflis, und traf dort Freunde. Wir tranken ein paar Shots – und irgendwann entstand wohl dieses Bild. Ob wir gerade in einer Bar oder davor waren, weiß ich nicht mehr genau. Am nächsten Tag zeigte mir eine Freundin das Foto, und ich liebte es sofort. Warum ich ausgerechnet Popcorn aß, obwohl ich sehr hungrig gewesen sein muss, kann ich nicht erklären. Es war einfach vollkommen verrückt.

… Authentizität
Gigashvili: Es hilft mir überhaupt nicht, mich selbst zu ernst zu nehmen oder mich für einen besonders seriösen Menschen zu halten. Ich stehe nicht auf der Bühne, um jemanden zu belehren oder mich als einen besonders kultivierten Menschen zu präsentieren. Ich versuche lediglich, so zu sein, wie ich bin. Genauso halte ich es mit den sozialen Medien. Bislang habe ich nicht erlebt, dass mein Humor den Menschen zu weit ginge. Im Gegenteil: Gerade von anderen Musikern bekomme ich viele Komplimente für meinen Instagram-Auftritt. Er sei ein frischer Wind für die klassische Musikszene. Diese Komplimente bedeuten mir sehr viel.
… georgische Musik
Gigashvili: Georgische Musik ist nicht nur etwas, das ich spiele; sie ist das, was ich bin. Da ich bereits mit vier Jahren zu singen begann, habe ich so ziemlich alle Stimmlagen gesungen. Das hat mir später geholfen, auch andere polyphone Musik, etwa die Werke Bachs, zu verstehen. Für mich ist die georgische Musik unheimlich komplex. Wenn ich sie spiele – manchmal verbunden mit Elektronik, manchmal in eigenen Arrangements und gelegentlich auch singend –, möchte ich dem Publikum zeigen, dass diese
… Martha Argerich
Gigashvili: Mit elf Jahren entdeckte ich Martha über das Internet. In Georgien kam das alles etwas später an. Bis dahin hatte ich klassische Musik für ziemlich langweilig gehalten. Doch als ich Martha in Prokofjews drittem Klavierkonzert auf YouTube sah – ihr glitzerndes Kleid, ihre ungeheure Freiheit, Energie und Schönheit –, wollte ich genauso spielen können wie sie. 2019 begegnete ich ihr schließlich, als ich mit 18 Jahren den Klavierwettbewerb in Vigo gewann. Martha war Teil der Jury. Erst ihre Anerkennung gab mir die Gewissheit, wirklich ein guter Pianist zu sein. Wenn jemand wie sie einem das sagt, wird es schwierig, weiterhin grundsätzlich an sich zu zweifeln. Später bot Martha mir sogar an, während meines Studiums in Genf in ihrem Haus zu wohnen. Das war für mich lange fast unwirklich – heute steht sie mir sehr nahe.
… die beste Zigarette im Leben
Gigashvili: Natürlich mit Martha. Das Foto entstand in der Laeiszhalle während ihres Festivals hier in Hamburg. Wir standen auf einem Balkon hinter der Bühne und sprachen über Maria Callas, Amy Winehouse und Marilyn Monroe. Dabei merkte ich, dass wir dieselben außergewöhnlichen Frauen aus Musik und Film bewundern.

… den richtigen Haarschnitt
Gigashvili: Oh mein Gott, das sind nicht meine Haare … Natürlich sind sie es, aber sie sind eine Herausforderung für sich: dick, lockig und morgens oft vollkommen außer Kontrolle. Meine Freundin Salome und ich haben viele Frisuren ausprobiert, von denen erstaunlich wenige funktioniert haben. Am besten stehen mir längere Locken oder die Form, die ich gerade trage. Der Buzzcut auf meinem ersten Album ließ mich damals mit 18 oder 19 plötzlich wie 30 aussehen. Mit mehr Haar sehe ich wenigstens meinem Alter entsprechend aus. Eigentlich sollte ich also nie wieder alles abrasieren – aber vielleicht wache ich morgen verzweifelt auf und tue es trotzdem. Bei mir sollte man niemals nie sagen.

… Kindheit und Resilienz
Gigashvili: Meine Mutter ist Pianistin, daher stand in unserem Wohnzimmer ein Blüthner-Flügel. Schon als kleines Kind spielte ich darauf, hörte klassische Musik im Radio, sang georgische Volkslieder, tanzte und malte. Wie die meisten georgischen Familien war auch unsere nicht wohlhabend. Ich hatte damals sehr viele Freunde, und wir verbrachten unsere Zeit vor allem auf dem Spielplatz vor dem Haus. Diese Kindheit gab mir früh eine dicke Haut. Wenn heute etwas Schwieriges geschieht, kann ich die Situation meist gut einordnen und nach einer Lösung suchen. Meine Mutter beschützte mich, brachte mir aber zugleich bei, dass nicht immer jemand für mich da sein wird. Dadurch lernte ich sehr früh, selbst auf mich zu achten.
… Beyoncé
Gigashvili: Ich wusste zunächst nicht einmal, wer sie war oder wie sie hieß. Aber nachdem ich mit zehn Jahren den Film „Dreamgirls“ gesehen hatte, wusste ich: Sie ist großartig. Ich sah den Film mehr als hundertmal. Er war auf Englisch, Untertitel gab es keine, aber trotzdem konnte ich der Handlung folgen. Später stieß ich auf ihre Studioalben und war überwältigt. In Georgien gab es damals einen Fernsehsender, der über einen langen Zeitraum jeden Abend um acht Uhr dasselbe vollständige Beyoncé-Konzert zeigte. Irgendwann kannte ich jedes Lied auswendig. Zum ersten Mal sah ich Beyoncé 2022 bei einem Konzert in Warschau. Ich war so glücklich, dass ich sehr viel weinen musste. Zuletzt erlebte ich sie 2025 während der „Cowboy Carter“-Tour in Paris. Beyoncé hat mir vor allem gezeigt, dass harte Arbeit der Schlüssel zu allem ist. Sie ist die beste Performerin der Welt.
… Popmusik
Gigashvili: Ich sehe zwischen Pop und klassischer Musik keinen unüberwindbaren Gegensatz. Beides kann präzise gearbeitet, emotional direkt und künstlerisch anspruchsvoll sein. Daher versuche ich, beide Welten in meinen Konzerten zu verbinden.
… Padel
Gigashvili: Padel ist meine große Leidenschaft, wenn ich in Tiflis bin. Leider spielt keiner meiner Berliner Freunde Padel. Ich mag daran, dass es körperlich fordert, zugleich aber Konzentration und taktisches Denken verlangt.
… Freundschaften
Gigashvili: Meine Freunde sind mein Leben. Sie verstehen oft, wie es mir geht, ohne dass ich alles erklären muss. Das hängt auch mit dem starken georgischen Gemeinschaftsgefühl zusammen. Trotzdem glaube ich nicht, dass nur Kindheitsfreundschaften wirklich tief sein können. Auch als Erwachsener begegne ich Menschen, die sehr schnell wichtig werden. Vertrauen braucht Zeit, doch Nähe kann jederzeit entstehen – und meine engsten Freunde habe ich erst in Berlin kennengelernt.
… die Ruhe unter Wasser
Gigashvili: Unter Wasser empfinde ich eine Ruhe, die ich an kaum einem anderen Ort finde. Ich selbst habe oft sehr viel Energie – manchmal vielleicht zu viel. Dort kann ich jedoch vollkommen abschalten. Warum das so ist, müsste vielleicht ein Psychiater erklären.
… Adrenalin
Gigashvili: In New York saß ich in einem Fahrgeschäft neben einem Freund, der vollkommen regungslos blieb. Das machte mich fast wahnsinniger als die Fahrt selbst. Für mich ist es zugleich wichtig, die eigene Komfortzone zu verlassen. Lange hatte ich Angst vor dem Skifahren, bis ich beschloss, es endlich zu lernen. Dieser kleine Erfolg gab mir Selbstvertrauen. Als Nächstes möchte ich unbedingt Fallschirm springen.

