Es sei ein Traum gewesen, sich einmal der Herausforderung des „Blind gehört“-Interviews zu stellen, sagt Elene Meipariani, Geigerin des Trio E.T.A., am Ende der Rätselstunde in der concerti-Redaktion. Gut vorbereitet, mit viel Humor und durchaus unterschiedlichen Meinungen hören sich die drei jungen Musiker aufmerksam und kritisch durch die geheime Playlist.
Mendelssohn: Klaviertrio Nr. 2 c-Moll op. 66 – 1. Allegro energico e fuoco
ATOS Trio. cpo 2011
Elene Meipariani: Mendelssohns c-Moll-Trio. Das Vibrato in der Geige ist sehr intensiv und dominant, aber das passt zum Stil.
Nadja Reich: Das Tempo ist klasse. Leider wird es oft zu schnell gespielt.
Meipariani: In den Abschlüssen der Phrasen gibt es viele kleine Noten, die in den Streichern äußerst präzise übereinander kommen müssen. Man hört, dass das intensiv geprobt wurde. Das muss ein festes Ensemble sein.
Till Hoffmann: Das ist auf einem extrem hohen instrumentalen Niveau gespielt, auch wenn mir die Phrasen manchmal etwas zu sehr in 8 oder 16 Takten gedacht sind. Könnte es das Tecchler Trio sein?
Reich: Ich denke eher an das Trio Jean Paul.
Hoffmann: Nein, der Klavierpart würde dann anders klingen.
Meipariani: Was ist mit dem Sitkovetsky Trio? – Nein? Das ATOS Trio? Wirklich?
Schubert: Klaviertrio Nr. 2 Es-Dur D 929 – 2. Andante con moto
Trio con Brio Copenhagen. Orchid 2024
Reich: Diesen bratschenartigen Klang im Cello kenne ich eigentlich nur von Mischa Maisky.
Hoffmann: Aber Martha Argerich ist es nicht am Klavier.
Reich: Das müsste eine ältere Aufnahme sein. – Von 2024? Echt?
Meipariani: Das Trio Bohémo hat kürzlich die Schubert-Trios aufgenommen.
Hoffmann: Vom Stil her könnte es auch das Busch Trio sein. Das ist romantisch, zupackend. Sie spielen auf jeden Fall nicht die Henle-Version, da wäre an dieser Stelle ein Crescendo gekommen.
Meipariani: Eine Familienbesetzung? Dann könnte es das Trio con Brio Copenhagen sein.
Hoffmann: Die Hauptfrage in diesem Satz ist die Artikulation. Die Achtel hier sind mir zu kurz genommen, mir fehlt ein bisschen die Vibration auf den einzelnen Tönen.
Meipariani: Bei Schubert ist vieles eine Geschmackssache. Soll man glissieren oder nicht? Ich habe das Gefühl, besonders bei ihm scheiden sich schnell die Geister über die Herangehensweise.
Reich: Aber das ist hier schon sehr stimmhaft gespielt. Ein freier, schöner Zugang. Das rockt!
Rihm: Fremde Szene III
Trio Brontë. Solo Musica 2025
Meipariani: (nach der ersten Note) Rihms „Fremde Szene III“. Die Geige klingt ein bisschen rauchig. Das erinnert mich an die Aufnahme vom Trio Brontë.
Reich: Das Cello hat einen eher direkteren und auch weicheren Klang. Sehr inspirierend.
Meipariani: Ah, aber dieser Ton kommt zu spät. Darüber bin ich schon beim ersten Anhören gestolpert, sodass ich nachgezählt habe.
Hoffmann: Insgesamt ist das eine sehr gründliche Einspielung. Wir würden gerne einmal alle drei Szenen von Rihm an einem Abend spielen, aber leider wird das nicht gebucht.
Smetana: Klaviertrio g-Moll op. 15 – 1. Moderato assai
Trio E.T.A. Genuin 2023
Hoffmann: Das müssten wir sein! Ich habe in der Vorbereitung lange überlegt, ob ich unser Album noch einmal anhören sollte, aber ich habe es nicht gemacht. Vielleicht aus Angst …
Meipariani: Ich habe befürchtet, dass das kommt. Man hört mein Schnaufen. – Ich glaube, die Kadenzen würde ich heute freier nehmen, und wir würden auch nicht so stark nach vorne drängen. Das haben wir damals aus aufnahmetechnischen Gründen gemacht. Wir wollten, dass das Stück auch durch die Mikrofone extrem energetisch rüberkommt. Wenn man sieht, wie wir uns auf der Bühne bewegen, wäre das vielleicht etwas einfacher einzuordnen.
Haydn: Klaviertrio Es-Dur Hob. XV:29 – 1. Poco allegretto
Beaux Arts Trio. Philips 1971
Hoffmann: Das ist mal eine Eröffnung!
Reich: Ganz schön viel Vibrato.
Meipariani: Die Punktierungen kommen nicht so klar durch, und es hat mir ein paar Betonungen zu viel. Ich könnte mir vorstellen, dass mir Schumann oder Brahms mit diesem Trio besser gefiele. Bei dieser Beherrschung der Instrumente denke ich sofort an Jean Paul – das meine ich als höchstes Kompliment –, aber das klingt älter. Die Aufnahme ist nicht so poliert, wie man es heute machen würde. Es könnte das Beaux Arts Trio sein.
Hoffmann: Der Anfangsakkord passt sehr gut zu ihnen: Wumms! In den Noten steht nur ein langer Akkord mit Fermate, ohne weitere Vorgaben. Wir haben den ganz leise und vorsichtig genommen.
Reich: Das würde man heute so nicht mehr spielen. Die historisch informierte Aufführungspraxis ist übergeschwappt und hat Schönes für Haydn bewirkt. Aber man muss anerkennen, das ist instrumental und im Zusammenspiel sehr gelungen.
Dvořák: Klaviertrio Nr. 4 e-Moll op. 90 – 5. Allegro
Busch Trio. Alpha 2016
Hoffmann: Ich kann mir nicht vorstellen, dass das ein festes Trio ist.
Meipariani: Doch! Aber das hat seine Grenzen.
Hoffmann: Die Streicher sind extrem solistisch unterwegs. Ich finde diese Stelle intransparent.
Meipariani: Nein, das passt noch, finde ich. Die arbeiten exakt zusammen. – Busch Trio, sagen Sie? Eine hochromantische Herangehensweise also.
Hoffmann: Stimmt, aber bei diesen unterschiedlichen Subdominant-Varianten am Anfang, kommt für mich die Harmonik nicht ganz zum Tragen.
Meipariani: Wenn ein genau gleich notiertes Motiv zweimal kommt, könnte man es auch unterschiedlich spielen.
Hoffmann: Der große Wurf war das noch nicht.
Ravel: Klaviertrio a-Moll – 2. Pantoum
Trio Wanderer. Harmonia mundi 2026
Meipariani: Trio Wanderer mit Ravel. Ich wundere mich, dass sie nicht bis ins letzte Detail sauber und zusammenspielen. Von einem französischen Trio, das Ravel macht, erwartet man ja eigentlich eine Referenzaufnahme. Da bin ich ein wenig enttäuscht.
Hoffmann: Aber der Satz ist auch ziemlich heikel. Viele Schichten finden gleichzeitig statt oder arbeiten gegeneinander, fast so wie Erdplatten. Und dennoch soll es stets organisch und nicht konstruiert klingen. Ein sehr starkes Stück, in das viel Gehirnschmalz geflossen ist. Das spielt man nicht mal eben so vom Blatt.
Meipariani: Das stimmt. Aber es gibt wirklich wunderschöne und meisterliche Ravel-Aufnahmen, etwa mit dem Amatis Trio oder dem Linos Piano Trio.
Reger: Klaviertrio Nr. 2 e-Moll op. 102 – 1. Allegro moderato
Trio Parnassus. MDG 1998
Meipariani: Ich habe keine Idee, das ist harmonisch überhaupt nicht intuitiv.
Hoffmann: „Da-di-da-da“ am Anfang, sind das die Noten B-A-C-H?
Reich: Hm, es könnte ein Trio von Reger sein.
Hoffmann: Das muss man erst mal spielen können, Reger verlangt technisch viel ab. Mir fehlen fast die Orgelpedale. Seine Musik ist einerseits harter Tobak, andererseits gibt es immer wieder ganz tolle Momente, die in Erinnerung bleiben.
Reich: Welches Trio würde den Aufwand auf sich nehmen, das einzustudieren? Ich tippe auf ein deutsches Ensemble.
Hoffmann: Vielleicht in Verbindung mit Markus Becker? – Das Trio ist für seinen enzyklopädischen Ansatz bekannt? Dann müsste es Parnassus sein. Auf die stößt man immer, wenn man sich irgendwo durchhören möchte. Sie leisten wichtige Arbeit.
Beethoven/Matthews: Sinfonie Nr. 5 c-Moll op. 67 – 2. Andante con moto
Leonidas Kavakos, Yo-Yo Ma, Emanuel Ax. Sony 2022
Reich: Das gibt es in einer Trio-Fassung? Wie schön!
Meipariani: Das ist der Variationssatz aus Beethovens Fünfter. Das sollten wir unbedingt selbst einmal spielen.
Hoffmann: Die Bearbeitung wechselt wunderschön die Register, sodass alle im Trio zum Einsatz kommen. Wirklich klasse!
Reich: Ich will gar nicht aufhören, zuzuhören.
Meipariani: Isabelle Faust und Antje Weithaas können es nicht sein. Ihre Art der Klanggebung und ihr Vibrato sind ganz anders. Christian und Tanja Tetzlaff haben sehr viel Kammermusik eingespielt, aber von denen kenne ich alles, deswegen möchte ich das ausschließen.
Reich: Gibt es familiäre Beziehungen im Trio?
Hoffmann: Der Pianist ist super gut, das ist unglaublich differenziert.
Ives: Klaviertrio – II. TSIAJ „This Scherzo is a Joke“
Amelio Trio. Genuin Classics 2025
Hoffmann: Amelio Trio mit dem Scherzo von Ives.
Meipariani: Alle Schläge kommen mit der genau gleichen Artikulation, das ist extrem sauber gespielt.
Reich: Der Charakter bei Ives springt einen direkt an und wirft dich halb vom Stuhl.
Hoffmann: Der Klang ist sehr gut strukturiert. Man hört immer die drei Ebenen, auch wenn die Musik ganz chaotisch ist.
Meipariani: Die drei nehmen einen an der Hand.
Mozart: Klaviertrio G-Dur KV 564 – 2. Andante
Michael Barenboim, Kian Soltani, Daniel Barenboim. DG 2019
Hoffmann: Klingt nach einem Variationssatz von Mozart.
Meipariani: Die Interpreten kommen tendenziell aus der älteren Generation. Anne-Sophie Mutter?
Hoffmann: Dann sind es Daniel und Michael Barenboim mit Kian Soltani. Ich erkenne Daniel Barenboim an seinem wunderbaren Legato.
Meipariani: Das sind fantastische Musiker, die unglaublich viel können, dennoch hört man zum Beispiel am Vibrato, dass es kein festes Ensemble ist. Da mache ich jetzt keine Freudensprünge.
Hoffmann: Die Artikulation könnte noch prägnanter sein. Ich hätte mir mehr Bögen aus einem Guss gewünscht. Das Tempo ist mir ein bisschen zu langsam.
Reich: Die Gesten könnten klarer sein.
Meipariani: Ich glaube, dass die Aussage der Musik viel einfacher zu greifen ist, wenn im Trio alle gleich artikulieren und man zu einem gemeinsamen Stil findet. Wenn alles gestochen scharf ist, hört und fühlt das der Zuhörer sofort. Das fehlt mir hier.
Pejačević: Klaviertrio op. 29 – 4. Finale
Trio Orelon. Da Vinci Classics 2024
Hoffmann Der Komponist oder die Komponistin hat viel Schumann gehört. Es klingt nach Joseph Marx, aber ich glaube, der hat kein Klaviertrio geschrieben.
Meipariani: Ich schwanke zwischen Elfrida Andrée und Dora Pejačević. – Dann ist es das Trio Orelon.
Hoffmann: Ich muss zugeben, das Ausuferende in der Musik ist nicht mein Fall.
Reich: Man weiß nicht so recht, wohin die Reise geht, auch wenn mir die Aufnahme an sich gut gefällt.
Meipariani: Randständiges Repertoire wird oft im Vorbeigehen eingespielt. Hier aber hat sich ein Trio richtig Gedanken gemacht. Das freut mich sehr.
Aktuelles Album:
un///known – Werke von Franck u. a.
Trio E.T.A. SWR Music 2026

