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Blind gehört María Dueñas

„Was der alles gemacht hat …!“

María Dueñas hört und kommentiert Aufnahmen von Kollegen, ohne dass sie weiß, wer spielt.

vonHelge Birkelbach,

Auch wenn es nur eine Übergangslösung ist: Im Universal-Gebäude, unweit des alten Standortes an der Spree, ist man bestens fürs konzentrierte Hören ausgerüstet. CD-Player, Plattenspieler, Mischpult und respektable Boxen – alles vorhanden im ruhigen Konferenzraum für ein „Blind gehört“-Interview mit Geigern María Dueñas. Auch für den Laptop gibt es den passenden Anschluss. Plug and Play!

Album Cover für Mozart: Violinkonzert Nr. 4 D-Dur KV 218 – 1. Allegro

Mozart: Violinkonzert Nr. 4 D-Dur KV 218 – 1. Allegro

Gidon Kremer, Wiener Philharmoniker, Nikolaus Harnoncourt (Leitung). DG 1988

Oh, wow, interessant! Das wird nicht so punktiert gespielt, sondern eher weicher, etwas breiter. Ein großer Kontrast zum Orchester, denn das ist sehr präsent, mit viel Körper. Der Beginn klang doch etwas zärtlicher. Das hat mich jetzt überrascht. Eine ältere Aufnahme, würde ich sagen, jedenfalls nicht aus meiner Generation. Vieles ist legato gespielt, um die Linie zu behalten. Das würde man heutzutage nicht mehr so machen, leider. Heute wird sehr auf Perfektion geachtet. Okay, ja, wer könnte es sein? Auch wenn der Solist oder die Solistin eine andere Idee als das Orchester hat, passt es dennoch gut zusammen. Das gefällt mir sehr, denn normalerweise ist man gewöhnt, dass die Art der Interpretation mehr auf einer Linie liegt. Sehr ungewöhnlich für mich, aber ich mag es! Die Wiener Philharmoniker unter Harnoncourt? Ah – dann ist es Gidon Kremer. Er ist wirklich der Ultimate Recording Artist. Was der alles gemacht hat, immer in toller Qualität! Guter Beginn, spannend.

Beethoven: Violinkonzert D-Dur op. 61 – 3. Rondo

Anne-Sophie Mutter, New York Philharmonic, Kurt Masur (Leitung). DG 2002

Es klingt ein bisschen nach Anne-Sophie Mutter … aber ich glaube nicht, dass sie es ist. Doch? Dann handelt es sich um eine spätere Aufnahme, oder? Ja, nicht die erste, als sie noch sehr jung war. Ihr Vibrato ist sofort erkennbar. Ich mag ihren Ton. Kräftig, schön. Und ich finde es gut, dass es mit Überzeugung gespielt ist. Sehr persönlich, auf jeden Fall, dabei sehr frei. Die Kadenz bei dieser Aufnahme stammt übrigens von Fritz Kreisler, die ist wirklich sehr gut geschrieben.

Bruch: Violinkonzert Nr. 1 g-Moll op. 26 – 1. Allegro moderato

Yehudi Menuhin, Philharmonia Orchestra, Walter Süsskind (Leitung), EMI 1956

Diese Aufnahme habe ich noch nie gehört. Ist das vielleicht eine Liveaufnahme? Auf jeden Fall sehr alt. Von 1956? Diese Person hat einen sehr schönen Ton, aber ich glaube, dass das Konzert mit den letzten Kräften gespielt wurde. Was, er oder sie war damals nur 40 Jahre alt? Yehudi Menuhin? Hätte ich nie gedacht. Aber wenn es sich eher um eine frühere Aufnahme handelt, ergibt das auch irgendwie Sinn. Zu Hause habe ich eine Vinylplatte von Menuhin mit Stücken von Paganini und Bruch – und das ist eine ganz andere Sache. Aber da war Menuhin wahrscheinlich schon älter und reifer.

Berg: Violinkonzert – 2. Allegro, Adagio

Pinchas Zukerman, London Symphony Orchestra, Pierre Boulez (Leitung). Sony 1995

Sehr gut gespielt! Ich würde erneut auf Kremer tippen, aber eine Dopplung ist ja im Format nicht vorgesehen. Eine ältere Person. Ich würde sagen: David Oistrach. Nicht? Eine ganz andere Generation? Und den Dirigenten kennt man aus der zeitgenössischen Musik? Okay, Moment … Vielleicht Previn? Nein, Boulez. Und der Solist ist Pinchas Zukerman. Ich mag seine Interpretationen, vor allem was Mozart betrifft. Ich kann mich glücklich schätzen, dass ich noch in der gleichen Zeit lebe wie er. Er ist schon eine echte Legende.

Album Cover für Kreisler: Präludium & Allegro in the Style of Pugnani

Kreisler: Präludium & Allegro in the Style of Pugnani

Daniel Lozakovich, Hélène Mercier (Klavier). Warner 2026

Das ist Daniel Lozakovich, ganz klar. Er hat schon einen sehr schönen Klang. Eine ganz frische Aufnahme von diesem Jahr, deswegen kenne ich sie. Bei Kreisler hätte ich ansonsten an Itzhak Perlman gedacht. Ich habe das Stück auch oft gespielt. Das wird gerne aufgeführt, dagegen sind Aufnahmen seltsamerweise rar gesät. Aber ja, Lozakovich sucht sich gerne solche Sachen aus. Er wählt immer das, was ihm sehr am Herzen liegt.

J. S. Bach: Partita Nr. 1 b-Moll BWV 1002 – 4. Double

Leonidas Kavakos. ECM 2005

Ich bin mir jetzt unsicher, ob das eventuell Isabelle Faust sein könnte. Der- oder diejenige spielt hier eine Barockgeige, die Saiten sind nicht einfach runtergestimmt. Sehr barock, sehr schlicht und einfach ist das gespielt. Einfach was dort steht in der Partitur, ohne jetzt viel nachzudenken. Warum auch nicht?! Ich höre ein bisschen Luft dazwischen, davon hätte ich gerne ein wenig mehr. Kavakos? Wenn das auf einem modernen Instrument interpretiert worden wäre, hätte ich vielleicht an ihn denken können. Spannend finde ich, dass er auf dem Album Bach mit Strawinsky gekoppelt hat, immer abwechselnd. Ich bin positiv überrascht. Ich finde das künstlerisch toll gemacht.

Wieniakwski: Violinkonzert Nr. 2 d-Moll op. 22 – 3. Allegro con fuoco

Itzhak Perlman, Orchestre de Paris, Daniel Barenboim (Leitung). DG 1983

Das ist sehr modern interpretiert. Oder doch nicht? Der Ton ist schon ziemlich aktuell, außerdem technisch ausgereift gespielt. Der Solist schießt einfach nach vorne los. Kann ich vielleicht diesen langsamen Teil danach noch länger hören? Wer könnte das sein? Hilary Hahn vielleicht? Die schätze ich nämlich sehr. Es ist technisch brillant, auch was die Intonation betrifft. Sehr durchsichtig, im Mittelteil schön warm. Itzhak Perlman? Okay, dann kann ich das besser zuordnen. Ich hätte ein bisschen länger nachdenken sollen. Es hat mich etwas verwirrt, denn ich dachte wirklich, dass das erst gestern entstanden sein könnte. Aber die Aufnahme ist über 40 Jahre alt. Toll.

Lalo: Symphonie espagnole op. 21 – 2. Scherzando, Allegro molto

María Dueñas, Simón Bolívar Symphony Orchestra of Venezuela, Gustavo Dudamel (Leitung). DG 2026

Das bin ich! Mein erster Gedanke war: Wer hat das Stück noch aufgenommen? Vielleicht Maxim Vengerov? Am Anfang musste ich tatsächlich kurz nachdenken, aber dann war es klar. Okay, cool. Aber dazu muss ich jetzt nichts weiter sagen, oder? Wir hatten eine richtig gute Zeit zusammen im Studio. Ich glaube, es ist wichtig, beim Aufnehmen Freude zu haben. Wenn man sich bereits gut kennt, so wie Gustavo und ich, entsteht eine ganz andere Energie. Den Lalo haben wir uns ausgesucht, weil ich irgendwie die Notwendigkeit gespürt habe, meine Verbindung zu Spanien deutlich zu machen. Und dabei mit irgendjemand anderem als Gustavo zu arbeiten, stand einfach außer Frage. Ich habe gewusst, dass es funktionieren wird. Es gibt nicht wirklich viele Dirigenten, die diese Musik so gut spüren wie er.

Korngold: Violinkonzert – 3. Finale

Jascha Heifetz, LA Philharmonic, Alfred Wallenstein (Leitung). RCA/BMG 1953

Das könnte Heifetz sein. Er ist es! Dieser Bogenstrich ist phänomenal, ganz typisch für ihn. So macht es niemand mehr heutzutage. Auch die Fingersätze sind sehr eindeutig. Und dieser Klang! Dass man das damals so hingekriegt hat bei der Aufnahme, bei diesen Voraussetzungen, ist einfach unglaublich. Die Musik vibriert! Genau, das ist es! Beim dritten Satz des Violinkonzerts merkt man, dass Korngold für Hollywood komponiert hat. Das Thema stammt aus einem Film; leider ist mir der Titel entfallen. Es geht um eine Frau, die verbotenerweise mit zwei Liebhabern zusammen ist. Eine schlichte Geschichte, die irgendwie kein Ende hat.

Album Cover für Prokofjew: Violinkonzert Nr. 1 D-Dur op. 19 – 2. Scherzo

Prokofjew: Violinkonzert Nr. 1 D-Dur op. 19 – 2. Scherzo

Hilary Hahn, Orchestre Philharmonique de Radio France, Mikko Franck (Leitung). DG 2021

Cool! Das ist Hilary Hahn. Ich glaube, ich könnte viele Aufnahmen von ihr sofort erkennen. Die Qualität ist sehr hoch. Ich glaube sogar, dass sie sich mittlerweile nicht unbedingt mit Technik beschäftigt oder beschäftigen muss, sondern eher mit körperlichen Aspekten. Also zum Beispiel: Wie genau funktioniert jetzt die Hand bei solch einem Ton? Man könnte sie als Denkerin bezeichnen. Sie beschäftigt sich mit der Welt – aber eben nicht auf die Art, dass sie jetzt in ihrer eigenen Bubble leben würde. Sie ist immer präsent. Auch bei Livekonzerten präsentiert sie sich perfekt vorbereitet. Eine große Geigerin, das kann man wirklich sagen.

Aktuelles Album:

Homage to Heifez – Werke von Lalo, Ponce u. a.

María Dueñas (Violine), Simon Bolivar Symphony Orchestra of Venezuela, Gustavo Dudamel (Leitung). DG

VÖ: 28.8.2026

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