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Blickwinkel: Benjamin Alber, Leitung digitale Formate beim ARD-Musikwettbewerb

„Für diejenigen, die klassische Musik lieben, muss der ARD-Musikwettbewerb ein Begriff sein“

Benjamin Alber leitet bei BR-Klassik die Redaktion „Planung und Entwicklung Klassik“ und gestaltet die digitalen Klassikangebote der ARD mit. Für den ARD-Musikwettbewerb macht er junge Talente über Livestreams und Social Media einem breiteren Publikum bekannt.

vonPatrick Erb,

Sie übernehmen beim Bayerischen Rundfunk und für die ARD verschiedene Aufgaben im Bereich der klassischen Musik. Für den Internationalen Musikwettbewerb der ARD verantworten Sie die digitalen Formate. Was umfasst diese Tätigkeit?

Benjamin Alber: Meine Mission besteht darin, den jungen Talenten, die zum Wettbewerb nach München kommen, maximale Sichtbarkeit zu verschaffen. Das ist heute nicht mehr allein der Konzertsaal vor Ort, sondern ebenso der digitale Raum. Das Potenzial ist offenkundig: Ein Konzertsaal in München hat vielleicht tausend Plätze, während im Livestream mitunter zwanzigmal so viele Menschen an diesem Konzerterlebnis teilhaben können – eine enorme Chance im Dienst der Künstlerinnen und Künstler. Eine zweite große Motivation ist die Teilhabe. Das betrifft die digitalen Angebote von BR-Klassik und ARD ebenso wie jene des Wettbewerbs: Welche Rückkanäle zum Publikum, welche Möglichkeiten der Beteiligung und Interaktion gibt es? Wir können sie miteinander vernetzen, Verbindungen schaffen und sie in ihrer gemeinsamen Leidenschaft stärken. Das zeigt sich besonders im Community-Management und in den Möglichkeiten des Austauschs, die digitale Plattformen bieten.

Klassikwettbewerbe dienen wesentlich dazu, junge Künstlerinnen und Künstler zu profilieren und ihre Karrieren voranzubringen. Warum braucht es darüber hinaus eine nutzerorientierte Öffentlichkeitsarbeit? Was hat ein gewöhnlicher Klassikliebhaber davon, sich einen Livestream der zweiten Runde oder des Semifinales anzusehen?

Alber: Wir arbeiten mit vier vereinfachten Zielgruppenprofilen, sogenannten Personas, um die unterschiedlichen Bedürfnisse unseres Publikums besser zu verstehen. Für das Streaming sind vor allem drei relevant: junge professionelle oder angehende Musikerinnen und Musiker, die internationale Sichtbarkeit gewinnen und ihre künstlerische Position einordnen möchten; ambitionierte Amateurmusikerinnen und -musiker, die Vergleich, Austausch und Gemeinschaft suchen; sowie das Klassikpublikum, das Spitzenleistungen erleben und die Stars von morgen entdecken will. Die vierte, schwerer erreichbare Persona sind digitalaffine junge Menschen. Sie gehören nicht zur Kernzielgruppe, können sich aber mit Vorbildern identifizieren und von deren Leistungsbereitschaft inspirieren lassen.

Wie reagieren diese unterschiedlichen Zielgruppen auf die Angebote? Wird in den Streams viel kommentiert?

Alber: Auf den eigenen Kanälen des ARD-Musikwettbewerbs bei Instagram und Facebook erreichen wir besonders stark die angehenden Profis und ambitionierten Amateurmusikerinnen und -musiker. Über die Angebote von ARD Klassik sprechen wir ein breiteres Klassikpublikum an: Konzertbesucherinnen und -besucher sowie digitalaffine junge Menschen, die sich für Kultur und Musik interessieren. Im Streaming begegnen uns grundsätzlich alle Zielgruppen, und wir beobachten ein großes Bedürfnis nach Austausch. Ein großes Potenzial sehe ich deshalb in einer stärkeren Öffnung zum Konzertpublikum. Mittlerweile gibt es Studien, die zeigen, dass Konzertstreaming nicht mehr nur als Ersatz für das Erlebnis im Konzertsaal wahrgenommen wird, sondern als eigenständiges, besonderes Erlebnis. Für mich liegt der besondere Reiz des Wettbewerbs darin, dass sich hier Interpretationen so unmittelbar vergleichen lassen wie nirgendwo sonst: Dasselbe Werk klingt durch jede Persönlichkeit völlig anders und erhält eine unverwechselbare Gestalt. Dieses Erlebnis wollen wir vermitteln – vor Ort in München ebenso wie digital. Wer in ein langes Semifinale hineinschaut, kann immer wieder entdecken, wie derselbe Mozart jedes Mal ganz anders klingt.

Vor Ort stimmt das Publikum mit Stimmzetteln über seine Favoriten ab. Gibt es dafür eine Entsprechung im digitalen Raum? Und können die Reaktionen des Publikums die Jury beeinflussen?

Alber: Die Jury achtet darauf, ihre Entscheidung vollkommen unbeeinflusst zu treffen. Dem Applaus vor Ort kann sie sich selbstverständlich nicht völlig entziehen. Zusätzlich zum Publikumspreis gibt es einen eigens dotierten Onlinepreis. Das Streamingpublikum kann über ein Voting auf dem YouTube-Kanal seine Favoritinnen und Favoriten bestimmen.

Wann erkannte der Bayerische Rundfunk das Potenzial des Livestreamings für den Wettbewerb? Waren Sie von Beginn an daran beteiligt?

Alber: Der Wettbewerb hat lange vor meinem Einstieg im vergangenen Jahr digitale Pionierarbeit geleistet. Die ersten Livestreams gab es 2011, da waren es noch ausschließlich die Preisträger-Konzerte, die übertragen wurden. Schon ein Jahr zuvor, 2010, hat der Wettbewerb den ersten Facebook-Post veröffentlicht, seit 2018 gibt es den Instagram-Kanal. Nach und nach wurde das Streaming-Angebot ausgebaut: Heute übertragen wir ab den zweiten Durchgängen alle Wettbewerbsauftritte. Unter meiner Leitung haben wir die Streams des Wettbewerbs im YouTube-Kanal von ARD Klassik neu positioniert und optimieren weiter bei der Bildsprache und -qualität. Noch mehr Streaming wäre allerdings personell kaum zu bewältigen: Schon ein sechsstündiges Semifinale bedeutet einschließlich Vorbereitung und Abbau eine außergewöhnlich lange Produktionszeit, zumal in den Vorrunden mehrere Kategorien parallel laufen können.

Seit wann begleiten Sie den Wettbewerb in Ihrer heutigen Funktion?

Alber: Seit dem vergangenen Jahr unterstützen mein Team und ich den ARD-Musikwettbewerb dabei, seine Digitalstrategie zu schärfen und seine Angebote enger mit ARD Klassik zu verzahnen; in diesem Jahr verantworte ich erstmals offiziell die digitalen Formate des Wettbewerbs.

Seit 1952 wird der Wettbewerb unter Federführung des Bayerischen Rundfunks ausgerichtet – lange bevor das Internet nutzbar wurde. Wie entwickelten sich das mediale Profil und die Öffentlichkeitsarbeit von den klassischen Radio- und Fernsehübertragungen bis zum heutigen Stream?

Alber: Der ARD-Musikwettbewerb hatte gegenüber privat organisierten Wettbewerben von Beginn an einen entscheidenden Vorteil: Durch seine Verankerung im ÖRR waren Radioübertragungen selbstverständlicher Teil seines medialen Profils und begründeten einen Teil seines Renommees. Die digitale Transformation vollzog sich schrittweise – von Website und Archiv über soziale Medien bis zum Streaming, das sich parallel zu den digitalen Konzertangeboten der ARD-Klangkörper entwickelte. Heute reagieren wir nicht mehr nur auf neue Plattformen, sondern prüfen systematisch, welche Formate zu den Eigenarten des Wettbewerbs passen. Dabei orientieren wir uns bewusst nicht nur an anderen internationalen Wettbewerben. Langfristig wollen wir eine digitale Plattform entwickeln, die junge musikbegeisterte Menschen verbindet, stärkt und in ihrer selbstbestimmten künstlerischen Entwicklung unterstützt. Als teilweise beitragsfinanziertes Angebot tragen wir zudem die Verantwortung, das Wettbewerbserlebnis auch jenen zugänglich zu machen, die nicht nach München reisen können.

Benjamin Alber gehört als Co-Lead zum ARD-Klassik-Team
Benjamin Alber gehört als Co-Lead zum ARD-Klassik-Team

Viele Teilnehmende reisen aus Ostasien, Nordamerika und anderen Weltregionen an. Lassen sich bei der Nutzung des Streamingangebots regionale Unterschiede erkennen?

Alber: Generelle Aussagen zur Nutzung sind schwierig, weil die Zusammensetzung des Publikums stark vom Instrument, den Teilnehmenden und deren Netzwerken abhängt. Nehmen wir das Jahr 2025 mit den Kategorien Klavier und Trompete: Beim Klavier erreichten wir ein sehr internationales Publikum. In der Kategorie Trompete kam ein großer Teil des Publikums dagegen aus Deutschland. Das lag unter anderem am starken deutschen Teilnehmer Sandro Hirsch, dessen Fans und dessen Orchester als Multiplikatoren viele Menschen in die Streams brachten. Hinzu kommt: Viele Teilnehmende, die man zunächst einem anderen Kulturraum wie Asien oder Nordamerika zuordnen würde, studieren in Deutschland und sind entsprechend in der hiesigen Musikszene vernetzt.

Seit 2018 betreibt der Wettbewerb einen Instagram-Kanal. Dort gilt eine andere Logik als im sechsstündigen Livestream. Wie beeinflussen sich die Plattformen gegenseitig?

Alber: Auf Instagram entsteht vor allem eine große Nähe zu den Protagonisten. Co-Creation ist für uns ein wichtiges Stichwort: Wir entwickeln Inhalte gemeinsam mit den Teilnehmenden, erzählen ihre Geschichten und rücken sie als Persönlichkeiten in den Mittelpunkt. Es geht gerade nicht darum, dass ein Social-Media-Team lustige Inhalte produziert. Die Teilnehmenden befinden sich während des Wettbewerbs in einer besonderen Stresssituation. Besonders wichtig finde ich die Backstage-Komponente, also den Blick hinter die Kulissen. Das lässt sich bei YouTube nicht so gut abbilden, wo man sich während eines Livestreams ganz auf eine Interpretation konzentrieren möchte. Auf einem zweiten Bildschirm kann man jedoch bei Instagram nachsehen: Wer ist diese Person, die ich gerade höre? Was hat sie während ihres Aufenthalts in München erlebt? Welches ist ihr Lieblingscafé? Oder wie feuert ihre Familie sie zu Hause an? Diese Nahbarkeit herzustellen, ist ein wesentlicher Teil des Instagram-Angebots. Perspektivisch soll daraus verstärkt eine Plattform für junge Musikerinnen und Musiker entstehen, auf der sie Erfahrungen etwa zum Umgang mit Auftritten, Stress und dem besonderen Perfektionsdruck der Musikwelt teilen können.

Welche Entwicklungsmöglichkeiten sehen Sie für die kommenden zwei oder drei Jahre? Woran soll künftig erkennbar sein, dass der Wettbewerb relevant bleibt?

Alber: Das ist eine der wichtigsten Fragen, die sich Musikwettbewerbe und Festivals stellen müssen: Wie bleiben wir relevant, und woran messen wir diese Relevanz? Bemisst sie sich nach den Verträgen, die junge Solistinnen und Solisten aufgrund ihrer Teilnahme erhalten, nach der Zahl ihrer Engagements oder danach, wie sich diese Engagements innerhalb eines bestimmten Zeitraums verändern? Oder sind qualitative Aussagen entscheidender: Mit welchem Gefühl gehe ich aus dem Wettbewerb? Hat er mich in meinem Tun gestärkt? Hat er mir Sicherheit auf meinem Weg gegeben? Habe ich Unterstützung in meinem Reifeprozess als Künstlerpersönlichkeit erhalten? Dafür lassen sich sehr unterschiedliche Maßstäbe anlegen. Von allem ein wenig zu wollen, ist selten eine gute Antwort. Deshalb legen wir uns diese Fragen immer wieder vor und prüfen, worum es im Kern gehen soll. Meine persönliche Wunschvorstellung wäre einerseits, dass Menschen aus ganz Deutschland und vielleicht aus aller Welt wissen: Als Musikfan muss ich einmal in München dabei gewesen sein! Denn natürlich ist das Erlebnis im Konzertsaal einzigartig. Das sage ich, obwohl ich so für die digitale Bühne brenne! Den Teilnehmenden wiederum soll der Wettbewerb ein langfristig wirksames Netzwerk bieten, von dem sie auch nach ihrer Zeit in München profitieren. Dafür müssen künstlerische, organisatorische und digitale Angebote ineinandergreifen.

Der Dienst an den Künstlerinnen und Künstlern steht demnach im Vordergrund?

Alber: Ja, unbedingt – und in unserem Fall ebenso der Dienst an den Beitragszahlerinnen und Beitragszahlern. Auch für sie muss ein Mehrwert entstehen. Natürlich werden niemals alle Menschen sagen, dass sie gerade wegen klassischer Musik gerne ihren Rundfunkbeitrag zahlen. Es wird immer Menschen geben, die mit dieser Kunstform nichts anfangen können. Doch für einen relevanten Teil der Bevölkerung – zumindest für diejenigen, die klassische Musik lieben – muss der ARD-Musikwettbewerb ein Begriff sein. Sie sollen das Gefühl haben: Es ist gut, dass ich daran teilhaben kann.





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