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Blickwinkel: Alexander Neef, neuer Jury-Vorsitzender des Wettbewerbs „Neue Stimmen“

„Es hat nie mehr Oper gegeben als heute“

Opernintendant Alexander Neef übernimmt in diesem Jahr erstmals den Jury-Vorsitz beim Gesangswettbewerb „Neue Stimmen“ in Gütersloh.

vonJan-Hendrik Maier,

Weltweit gefragte Opernstimmen wie Michael Volle, Elsa Dreisig, Pene Pati, Christiane Karg und Jakub Józef Orliński legten den Grundstein für ihre Karriere beim Internationalen Gesangswettbewerb der Liz Mohn Stiftung „Neue Stimmen“ in Gütersloh. Alexander Neef, Direktor der Opéra national de Paris, führt in diesem Jahr erstmals die Jury in der Endrunde an.

Herr Neef, Sie kennen die „Neuen Stimmen“ bereits seit der Ära von Gérard Mortier vor mehr als 20 Jahren. Sie waren mehrmals als Juror in den Vorauswahlen aktiv und übernehmen nun im entscheidenden Finale den Jury-Vorsitz. Was reizt Sie an dieser neuen Aufgabe?

Alexander Neef: Zuerst einmal ist es eine große Ehre, Kollegen wie Gérard Mortier und Dominique Meyer nachzufolgen. Ein Grund zuzusagen war die lange Verbindung, die mich mit dem Wettbewerb verknüpft, und dass ich mich seit Beginn meiner Tätigkeit in der Opernwelt sehr für die Karriere junger Sänger interessiere. Das hört sich banal an, aber: keine Oper der Zukunft ohne die Sänger der Zukunft. Mich interessiert es, junge Sänger zu finden und sie zu begleiten, lange bevor man überhaupt mit ihnen arbeiten kann. Am Ende muss es der Sänger immer selbst machen, man kann nicht für ihn singen. Aber man kann Verbindungen herstellen, beraten, Perspektiven eröffnen. Gerade die wirklich Talentierten sind oft überwältigt, weil sich jeder mit gut gemeinten Ratschlägen auf sie wirft. Für sie ist es dann schwer herauszufiltern: Was hilft mir eigentlich? Es geht darum, sie in eine Position zu bringen, in der sie selbst beurteilen können, wie sie ihren Weg organisieren.

„Creating Careers“ ist ein Leitgedanke des Wettbewerbs. Was müssen junge Sänger einerseits künstlerisch, andererseits von der Persönlichkeit her mitbringen, um heutzutage im internationalen Operngeschäft bestehen zu können?

Neef: Wir wünschen uns immer, die Perle zu finden, und per Definition sind diese Perlen rar. Die minimale Anforderung ist für mich eine solide Gesangstechnik, die eine Karriere trägt. Oft wissen Sie schon, dass etwas Besonderes passiert, bevor der Sänger auf der Bühne das Klavier erreicht hat, weil sich die Atmosphäre im Raum ändert. Wir suchen Künstler, die das Künstlersein so glaubhaft und natürlich leben, dass sie mit Publikum und Kollegen auf eine Art kommunizieren, die nicht jeder hat. Aber diese Basis muss man erst legen. Es gibt ganz wenige Sänger, die man bereits mit 19 oder 20 Jahren auf jede Bühne stellen kann. Am meisten können wir helfen, wenn wir die Talentierten in ein Ökosystem einbinden: Manchmal wirkt ein Anruf oder eine E-Mail wahre Wunder, um sie mit den richtigen Dirigenten und Regisseuren zusammenzubringen. Oft haben talentierte junge Sänger nicht genug Engagements, um Fortschritte zu machen. Dafür ist der Wettbewerb sehr nützlich, weil wir diese Talente als Jury, aber auch als Profession im Allgemeinen und für die Leute, die kommen, um sie zu hören, besser unterstützen können. Wir geben ihnen Sichtbarkeit.

Mehr als 1000 Sänger aus 69 Ländern haben sich dieses Jahr beworben, 41 Talente aus 18 Nationen haben sich für die Endrunde qualifiziert. Was verraten diese Zahlen über die aktuelle Generation junger Opernsängerinnen und -sänger?

Neef: Ich finde es wunderbar, und das bestätigt sich Jahr für Jahr, dass wir überhaupt kein Problem damit haben, junge Menschen zu finden, die ihr Leben dem klassischen Gesang widmen wollen. Dass das mehr als 400 Jahre nach dem Beginn der Kunstform Oper immer noch so gut funktioniert, gibt mir viel Hoffnung, auch dahingehend, dass das Material, von dem wir zehren, für Künstler wie Publikum immer noch große Kraft und echte Bedeutung hat. Es hat nie mehr Oper gegeben als heute und sie verbreitet sich weltweit. Das zeigt sich in unseren Finalisten, die faktisch von überall her nach Gütersloh kommen.

Gibt es Fähigkeiten, die Sänger in fünf oder zehn Jahren benötigen, die heute vielleicht noch weniger wichtig erscheinen?

Neef: Der Beruf entwickelt sich immer weiter, etwa in dem, was man heute vom Spiel auf der Bühne erwartet. Viele Sänger der jüngeren Generation wollen auf der Bühne glaubwürdig sein, nicht nur singen. Daneben haben wir große Herausforderungen, was die Zukunft des Kultursektors angeht: Schaffen wir es noch, diese gesunde Infrastruktur aus großen, mittelgroßen und kleinen Opernhäusern zu erhalten, die es gerade den jungen Talenten erlaubt, sich zu entwickeln? Einige Supertalente sind sofort für die großen Bühnen bereit, aber viele brauchen eine Reifezeit: Als 23-jähriger Bass sind Sie normalerweise nicht fertig, Sie brauchen fünf bis zehn Jahre. Dieses Ökosystem müssen wir am Leben erhalten.

Zurück zum Wettbewerb. Die Jury setzt sich in diesem Jahr teils neu zusammen, mit Nicole Car ist eine frühere Gewinnerin Teil davon. Worauf legen Sie in der Zusammenarbeit in der Jury Wert?

Neef: Auf Kollegialität und offenen Austausch. Wir haben eine tolle Jury mit sehr kompetenten Leuten, die Stimmen sehr gut kennen. Wenn man einen Künstler beurteilt, gibt es immer objektive und subjektive Kriterien. Mir ist wichtig, dass wir uns schnell auf die objektiven verständigen, damit mehr Zeit für die subjektiven bleibt.

Was sind subjektive Kriterien für Sie?

Neef: Bühnenpräsenz, Interpretation und natürlich der Umgang mit dem musikalischen Material. Vor allem im Barock und im 18. Jahrhundert kann man sich kreative Freiheiten nehmen, die je nach Jurymitglied gefallen oder nicht. Mozart ist zum Beispiel immer ein großes Diskussionsfeld.

Welche künstlerische Vision möchten Sie in den Wettbewerb einbringen?

Neef: Ich weiß nicht, ob künstlerische Vision der richtige Begriff dafür ist, aber mir ist es sehr wichtig, dass wir uns eine gewisse Offenheit erlauben, nicht in die Falle der normierten Kandidaten tappen, sondern uns auch einmal erlauben, uns begeistern zu lassen. Denn Künstler, die auf der Bühne einen Unterschied machen, sind oft Künstler, die wagen. Wir suchen starke Individuen, die starke Botschafter ihrer Kunstform werden können. Ich führe dieses Gespräch oft mit jungen Sängern, die gerade aus dem Konservatorium kommen, wo man auf eine Vorsingliste mit fünf Arien aus verschiedenen Zeitepochen in drei Sprachen genormt wird. Ich sage dann immer: Sobald ihr da raus seid, interessiert mich das nicht mehr. Was mich interessiert, ist: Was macht ihr besser als eure Kollegen? Was habt ihr als Künstler zu sagen? Zugleich haben wir als Jury die Verpflichtung, den Kandidaten genau darüber Feedback zu geben.

Haben Sie einen Last-Minute-Tipp für die Teilnehmer?

Neef: Be yourself. Und zwar nicht so, dass du uns zeigst, was du in fünf bis zehn Jahren singen solltest, sondern wer du jetzt, in diesem Stadium deiner künstlerischen Entwicklung, bist.

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