Dass ausgerechnet der Hochzeitsmarsch einmal eines seiner bekanntesten Stücke werden würde, damit hätte Felix Mendelssohn wohl nicht gerechnet. Doch der Marsch hat ein Eigenleben entwickelt. Man kennt ihn, ohne Mendelssohn zu kennen. Und bei den Mendelssohn-Festtagen Leipzig 2026 beginnt die Geschichte genau dort: Jörg Widmann hat das berühmte Werk paraphrasiert, und seine Fassung eröffnet am 1. November das Festival. Zugleich wird der Internationale Mendelssohn-Preis Leipzig verliehen: Widmann erhält ihn in der Kategorie „Musik“, die ehemalige Bundeskanzlerin Angela Merkel in der Kategorie „Europa“.

Gegenwart und Erinnerung
Schon dieser Auftakt verbindet Musik mit Gegenwart und gesellschaftlicher Erinnerung. Denn Mendelssohns Geschichte hat in Leipzig eine Bruchstelle. Am 9. November 1936 wurde sein Denkmal von den Nationalsozialisten abgerissen. Seine jüdische Herkunft machten die Nationalsozialisten zum Anlass, den Komponisten und sein Andenken aus dem deutschen Musikleben zu verdrängen. Erst 2008 kehrte das Denkmal in rekonstruierter Form an einen zentralen Ort der Leipziger Innenstadt zurück.
2026 jährt sich die Zerstörung des ursprünglichen Denkmals zum 90. Mal. Zugleich begeht Sachsen das „TACHELES – Jahr der jüdischen Kultur“. Die Verbindung zu Mendelssohn ist offensichtlich: Er stammte aus einer jüdischen Familie, wurde als Kind christlich getauft, war nach seinem Tod zunehmend antijüdischen Ressentiments ausgesetzt, bis er schließlich von den Nationalsozialisten aus dem deutschen Musikleben verdrängt wurde. Die Festtage stellen seine Musik deshalb in einen größeren Zusammenhang und konfrontieren sie mit anderen Biografien, anderen Zeiten und anderen Formen von Erinnerung.

Unterschiedliche musikalische und historische Erfahrungen
Beim Eröffnungskonzert treffen Mendelssohns und Widmanns Musik auf Prokofjews „Ouvertüre über hebräische Themen“. Vadim Gluzman und Yulianna Avdeeva stellen am Tag darauf Mendelssohns Werke denen von Frédéric Chopin, Władysław Szpilman, Lera Auerbach und Valentin Silvestrov gegenüber. Und am 7. November verbindet das Quatuor Danel Mendelssohn mit Mieczysław Weinberg und Robert Schumann. Es entsteht kein künstlicher Gleichklang, sondern ein Nebeneinander unterschiedlicher musikalischer und historischer Erfahrungen.
Auch seine Schwester Fanny bekommt ihren eigenen Raum. Am 4. November, Mendelssohns Todestag, gestalten Thomas E. Bauer, Ulrich Matthes und Elena Bashkirova eine musikalische Lesung mit Werken von Beethoven und Schumann sowie Liedern von Fanny Hensel. Sie erscheint dabei nicht als Fußnote zur Biografie ihres Bruders, sondern als eigenständige Komponistin.

Mendelssohn – und zugleich auch nicht
Besonders unmittelbar wird die Frage nach dem musikalischen Erbe bei Mendelssohns sechster Sinfonie. Von ihr sind nur die ersten beiden Sätze in Skizzen überliefert. Luukas Hiltunen hat das Fragment ergänzt. Das Gewandhausorchester spielt die Fassung am 5. und 6. November unter Andris Nelsons als deutsche Erstaufführung. Hier lässt sich hören, was geschieht, wenn ein Werk der Vergangenheit durch die Vorstellungskraft eines Komponisten der Gegenwart weitergedacht wird: Es ist Mendelssohn – und zugleich auch nicht.
Außerhalb des Konzertsaals setzt sich dieser Dialog fort. In der Oper Leipzig kommt „Ein Sommernachtstraum“ als Ballett auf die Bühne, das Gewandhausorchester spielt unter Matthias Foremny. Führungen folgen Mendelssohns Spuren durch die Stadt, ein Vortrag widmet sich der Zerstörung und Wiedererrichtung seines Denkmals.

Mendelssohn neu hören
Leipzig selbst wird damit zum Erinnerungsort. Das heutige Denkmal erinnert nicht nur an Mendelssohn. Es erinnert auch daran, dass seine Erinnerung einmal ausgelöscht werden sollte. Neunzig Jahre nach dem Abriss wird aus einem historischen Datum eine Frage an die Gegenwart: Was bewahren wir und wer entscheidet darüber, was sichtbar bleibt?
Am 8. November klingen die Festtage beinahe beiläufig aus. Elena Bashkirova und Alexander Melnikov spielen Mendelssohns „Hebriden“-Ouvertüre und sieben „Lieder ohne Worte“ in Fassungen für Klavier zu vier Händen, dazu Schuberts f-Moll-Fantasie. Nach Orchester, Ballett, Bläsern und Stimmen wird der Klang plötzlich intim.
Der Hochzeitsmarsch, mit dem die Festtage beginnen, steht damit für ihr ganzes Programm. Bekanntes wird nicht konserviert, sondern neu gehört. Mendelssohn wird nicht zum unantastbaren Denkmal. Seine Musik darf sich verändern, auf andere Komponisten treffen und mit einer Gegenwart konfrontiert werden, die eine andere ist als seine eigene.

