Es gibt Festivals, die setzen auf Größe. Und es gibt Festivo. Das Kammermusikfestival im Chiemgau geht auch in diesem Jahr seinen eigenen Weg. Mit einem Programm, das Herz und Verstand gleichermaßen anspricht.
Das diesjährige Motto lautet „Sinn und Sinnlichkeit“. Diese Verbindung zieht sich wie ein roter Faden durch die sieben Konzerte. Mal romantisch, mal nachdenklich, mal voller musikalischer Entdeckungen. Stets geht es aber um das, was Kammermusik so besonders macht: ihre unmittelbare Kraft und Ausdrucksstärke.

Eröffnung mit Liedkunst der Spätromantik
Schon das Eröffnungskonzert (24.7.) verspricht einen außergewöhnlichen Abend. Die Sopranistin Marlies Petersen, bekannt für ihre enorme Ausdruckskraft, widmet sich den großen Liedkomponisten der Spätromantik. Die poetischen Klangwelten von Richard Strauss begegnen dabei den Wesendonck-Liedern Richard Wagners, Alban Bergs frühen Liedern und der tiefen Melancholie von Johannes Brahms. Im zweiten Teil steht ein Programmpunkt, der ganz im Sinne von Festivo steht: Das Freigeist Ensemble interpretiert Anton Bruckners sechste Sinfonie in einer eigens erarbeiteten Kammermusikfassung. Das Ensemble ist ein Kollektiv aus Mitgliedern deutscher Sinfonieorchester, das sinfonische Musik für ein neugieriges Publikum neu denkt. Seit seiner Gründung durch den britischen Dirigenten Joolz Gale im Jahr 2010 entwickelt das Ensemble unkonventionelle Konzertformate und bespielt außergewöhnliche Orte.
Neben Bruckners sechster Sinfonie erklingt in der Festivo-Ausgabe 2026 auch sein selten aufgeführtes Streichquintett F-Dur (15.8.). Das Werk gehört zu den faszinierendsten kammermusikalischen Werken des Komponisten mit jener eigentümlichen Mischung aus Innerlichkeit und Ausdruck, die seine Musik unverwechselbar macht. Daneben steht das impulsive Streichsextett von Erich Wolfgang Korngold. Der Wiener Wunderknabe schrieb dieses Werk mit kaum zwanzig Jahren. Bereits hier leuchtet jene opulente Klangsprache auf, die ihn später in Hollywood zu einem der einflussreichsten Filmkomponisten des 20. Jahrhunderts machte.

Festivo verbindet Qualität mit Zugänglichkeit
Einen anderen Blick auf die Nacht und ihre Stimmungen eröffnet das Konzert „Musica notturna“ (12.8.) im Preysingsaal von Schloss Hohenaschau. Luigi Boccherinis berühmtes „La Musica Notturna delle Strade di Madrid“ gehört zu den charmantesten musikalischen Stadtporträts überhaupt. Glocken, Straßenszenen und nächtliches Treiben werden hier fantasievoll eingefangen. Komplettiert wird dieses Konzert mit Franz Schuberts Streichquintett C-Dur, das als Meisterwerk der Kammermusik gilt.
Mit dem spektakulären Atrium der Druckerei Schattdecor in Thansau bei Rohrdorf wurde im vergangenen Jahr ein neuer Festivo-Spielort eingeweiht. Im neuen Cortile, einem intimen Innenhof direkt neben dem Foyer, treffen Festivalleiter Johannes Erkes, seines Zeichens Bratschist, und Pianist Dejan Lazić aufeinander (5.8.). Ihr Programm spannt einen Bogen von Johann Sebastian Bach bis Dmitri Schostakowitsch. Einen besonders bewegenden Schlusspunkt bildet die Violasonate op. 147: Schostakowitsch schrieb sie nur wenige Wochen vor seinem Tod.
Dass Festivo musikalische Qualität stets mit Zugänglichkeit verbindet, zeigt auch die beliebte Reihe „Oper im Taschenbuchformat“ (1.8.). Diesmal steht Mozarts „Entführung aus dem Serail“ auf dem Programm. Die Geschichte um Liebe, Mut und Menschlichkeit in der kompakten Festivo-Fassung ist unterhaltsam, kurzweilig und ideal für alle, die Oper einmal ganz unkompliziert oder aus einem neuen Blickwinkel erleben möchten.

Finale mit legendärem Flügel
Zum Finale richtet sich der Blick schließlich auf einen besonderen Protagonisten des Festivals: den historischen Flügel der Klavierlegende Arturo Benedetti Michelangeli. Seit dessen Tod im Juni 1995 befindet sich der speziell für ihn konzipierte Flügel im Gasteig in München. 2025 ging das Instrument auf Reisen und wurde durch Alexander Lonquich feierlich beim Festival eingeweiht. In diesem Jahr lässt Herbert Schuch das Instrument, das jetzt schon zu einer kleinen Festivo-Legende geworden ist, mit Musik von Haydn, Debussy und Chopin erklingen.
Festivo bleibt auch 2026 das, was es seit seiner Gründung sein will: ein Festival fernab von Event-Hektik und schnellen Effekten. Oder, um es mit dem Leitgedanken des Festivals zu sagen: ein Ort, an dem Musik Zeit bekommt.

